Eine App, die man weglegen soll
25.03.2026 Aktuell, Aktuell, Gesellschaft, Natur, Region«Über 40 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind handysüchtig», verkündete eine Überschrift im «Blick» im vergangenen Dezember. Und ja, wer kennt es nicht, das endlose Am-Bildschirm-Hängen? Am Morgen im Zug der Blick aufs Display, tagsüber die Arbeit vor dem grossen Bildschirm im Büro und in der Pause der Griff zum Smartphone, am Abend digitale Berieselung bis zum Einschlafen. Oft verbringt man die Zeit nicht einmal bewusst online, doch die kontinuierliche Dopaminzufuhr durch das Endlos-Scrollen lässt einen nicht los. Diese Angewohnheit, die zum Automatismus wird, fiel auch dem Informatiker und Unternehmer Pascal Soltermann auf. Er fragte sich, ob es nichts Sinnvolleres gäbe, das man in dieser Zeit tun könnte.
So entstand die Idee für die Plattform «Analog Nomad», auf der das analoge Leben zelebriert wird. Zusammen mit Roman Chappuis, der über einen fundierten Hintergrund im Web- und Appdesign verfügt, gründete er die Analog Nomad GmbH, welche die App und Website von «Analog Nomad» betreibt. Die Initianten stammen aus der Technik- bzw. Webbranche und kennen das Problem, den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu sein, bestens. Doch was könnte man stattdessen tun? Die Plattform «Analog Nomad» bietet eine Ideensammlung an analogen, also nicht digitalen Challenges, die Nutzerinnen und Nutzer zu kleinen und grossen Abenteuern inspirieren sollen. Das System ist einfach: Man meldet sich in der App an und wählt aus verschiedenen Herausforderungen jene aus, die einen interessieren. Für jede bestandene Challenge gibt es Punkte; mit diesen werden weitere Levels freigeschaltet. Von Level zu Level werden die Aufgaben intensiver. Die App ist als sogenannte PWA (Progressive Web App) aufgebaut, benötigt also keinen separaten Download und kann direkt im Browser aufgerufen werden. Sie ist eine «App, die will, dass du sie weglegst».
Unter den Challenges findet sich eine breite Palette an Ideen für unterschiedlichste Interessen. In Level 1 etwa stehen Aufgaben zur Verfügung wie ein Museumsbesuch, eine Stunde auf einer Bank sitzen und das Geschehen beobachten, ein Buch lesen oder ein Brot backen. Unter den derzeit rund 400 Herausforderungen finden sich auch Aktivitäten wie Bogenschiessen, Grillieren auf einer Feuerstelle im Wald, das Organisieren und Durchführen eines Jass- oder Spieleabends oder ein Besuch im Tierpark Dählhölzli. Sie sind bewusst unkompliziert und einfach erreichbar gewählt. Denn es geht nicht darum, der oder die Beste zu sein, sondern etwas zu erleben und Erinnerungen zu schaffen. Ist eine Challenge bewältigt, muss ein Foto hochgeladen werden, welches geprüft wird, bevor die Punkte gutgeschrieben werden. Platz für viel Selbstinszenierung oder endloses Verweilen in der App bleibt kaum, sie hat keinen Feed und verwendet keine Benachrichtigungen. Hat man sich einmal für eine analoge Beschäftigung entschieden, kann das Handy getrost weggelegt werden.
Über die App sollen sich Nutzerinnen und Nutzer in Zukunft auch vernetzen können – allerdings nur eingeschränkt. Die noch in Planung stehende Nachrichtenfunktion sieht vor, dass eine Nachricht zu versenden Punkte kostet. «Wie früher eine SMS», witzelt Initiant Pascal Soltermann im Gespräch mit der Zeitung «D’REGION». «Nutzerinnen und Nutzer sollen sich im echten Leben verknüpfen, nicht online. Mit der Hürde der ‹bezahlten› Nachrichten versuchen wir zu vermeiden, dass ‹Analog Nomad› als soziales Netzwerk verwendet wird.»
Das Community-Building ist dennoch ein zentraler Aspekt der Plattform. Wer zum Beispiel für die Challenge «Höre eine Tonkassette» keinen Walkman (mehr) besitzt, kann sich vielleicht einen von jemandem ausleihen, der die Aufgabe bereits absolviert hat. Wenn vier Nutzerinnen und Nutzer die Challenge «Veranstalte einen Jassabend» angehen möchten, können sie dies gemeinsam tun. Und wer einen besonders schönen Ort für die Challenge «Geniesse den Sonnenaufgang» sucht, kann nachfragen, wo sich ein solcher befindet.
Für die Nutzerinnen und Nutzer ist die Plattform komplett kostenlos; In-App-Punkte können nicht gekauft werden. Finanziert werden soll das Angebot durch Kooperationen mit Partnern aus der Dienstleistungs- oder Gastronomiebranche. Betriebe erhalten die Möglichkeit, eigene Challenges oder Challenge-Sammlungen auf der App zu platzieren. Bereits heute kursieren verschiedene Ideen zur Weiterentwicklung der Plattform – etwa ein Leaderboard oder eine Master-Challenge am Ende der zu absolvierenden Levels. Letztlich soll «Analog Nomad» mit seinen Userinnen und Usern zusammen wachsen, auch unter der Berücksichtigung der Wünsche der «analogen Nomaden».
In einer Zeit, in der digitale Reize allgegenwärtig sind und Aufmerksamkeit zur knappen Ressource geworden ist, setzt «Analog Nomad» bewusst auf Entschleunigung und Nostalgie. Viele der Challenges erinnern an die eigene Kindheit, als man den Tag noch ohne das Handy als ständigen Begleiter verbrachte und ein Ausflug in den Wald bereits ein grosses Abenteuer darstellte.
Mit der Analog Nomad GmbH haben Pascal Soltermann und Roman Chappuis ihrer Idee einen unternehmerischen Rahmen gegeben. Ihr Ziel ist es, nicht noch mehr Bildschirmzeit zu schaffen, sondern Menschen Ideen für Abenteuer in der echten Welt zu geben.
Text und Bild: Rosie Schenk

