Eine Kirche wie viele – und doch anders
06.05.2026 HindelbankEin Kirchenfenster zeigt Jesus im Gespräch mit einer Frau auf Augenhöhe. Neben dem prunkvollen Denkmal für einen Kriegsherrn liegt ein Grabmal für eine junge Mutter mit Kind. Im Pfarrhaus wird Frauenbildung gefördert: Das Ensemble von Kirche, Pfarrhaus und ehemaligem Seminar für Lehrerinnen gibt Einblick in eine Zeit des Wandels und beginnender Emanzipation.
Schon vor 800 Jahren stand in Hindelbank am jetzigen Standort eine Kirche. Kurz vor der Berner Reformation, 1514, stiftete Hans von Erlach eine neue Kirche. Er war Inhaber der Herrschaft Hindelbank. Die neue Kirche entstand in gotischem Stil im Zuge des Baus weiterer Kirchen im Bernerland. Sie war reich geschmückt. Vor allem ihre Glasfenster stachen künstlerisch heraus. Das Schweizerische Nationalmuseum liess die Fenster deshalb im Jahr 1910 fotografieren. Das war ein Glück. Denn 1911 zerstörte ein Brand einen Teil von Hindelbank und beschädigte auch die Kirche mitsamt deren Fenstern stark.
Die zwei Grabmäler
Doch nicht allein die Fenster hatten die Kirche weit über das Dorf hinaus bekannt gemacht. Im Inneren der Kirche standen oder lagen seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zwei Grabmäler, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Das eine sollte an Hieronymus von Erlach erinnern, Schultheiss von Bern, der 1722 das Schloss Hindelbank nach französischem Vorbild erbauen liess. Der Sohn des Verstorbenen, Albert Friedrich, liess dafür aus Berlin den berühmten Plastiker Johann August Nahl den Älteren (1710 –1781) kommen. Nahl gestaltete in einer Wandnische ein prunkvolles Erinnerungswerk mit kostbaren Materialien, Insignien und klassischen Figuren, die das Leben des Hieronymus verherrlichten und seinen Tod betrauerten.
In der Zeit, während der Nahl seinen Auftrag erfüllte, wohnte er im Pfarrhaus neben der Kirche bei der Familie des Pfarrers. In der Osternacht 1751 starb die Frau des Pfarrers mitsamt ihrem Kind bei der Geburt. Ergriffen schuf Nahl aus eigener Initiative ein zweites Grabmal. Er arbeitete aus einem Block Berner Sandstein die im Grab liegende Maria Magdalena Langhans mit ihrem Kind heraus. Mutter und Kind verkörpern das Leben, das stärker ist als der Tod. Sie sprengen den Sargdeckel und drängen aus der Finsternis ans Licht. Dieses zweite Kunstwerk Nahls, das bald darauf als «Grabmal» der Liebe benannt wurde, lag im Chor der Kirche und wurde durch einen Deckel aus Eichenholz geschützt.
Die beiden Werke Nahls – das strenge, pompöse, klassische für Hieronymus von Erlach und das emotional aufgeladene für die unbekannte Frau des Pfarrers – erreichten Aufmerksamkeit in ganz Europa. Sie wurden von zahlreichen Reisenden besucht, beispielsweise vom deutschen Dichter Goethe («Faust») oder dem amerikanischen Schriftsteller Fenimore Cooper («Lederstrumpf»).
Als die Kirche 1911 durch das Feuer weitgehend zerstört wurde, war sie deshalb kein x-beliebiges Gotteshaus, sondern der Hort kostbarer Kunstwerke. Es galt, die Kirche möglichst rasch und sorgfältig wieder aufzubauen. Das Äussere war weitgehend gegeben. Doch für das Innere hatte sich die Zeit gewandelt. Die Kunst war nun bestimmt durch den Jugendstil und dieser sollte nach Auffassung des zugezogenen Architekten und des von ihm bestimmten Malers die Stimmung in der Kirche prägen.
Neuaufbau und spätere Sanierung der Kirche
Der Kirchgemeinderat hatte Glück mit dem Architekten. Karl Indermühle (1877–1933) aus Bümpliz war ein aufstrebender, qualitätsbewusster Fachmann, der modern und politisch dachte, aber auch in grossen Zeiträumen. Indermühle beherrschte das Handwerk, er war Mitbegründer des neuen Heimatstils, des Berner Heimatschutzes, Münsterbaumeister, aber auch Gestalter eines neuen Flügels des Kunstmuseums Bern. Sein Horizont war weit und so zog er den Maler und Gestalter Ernst Linck (1874 –1935) bei. Dieser verlieh der Kirche mit den Glasfenstern im Chor, mit der Form- und Farbgebung und mit dem Eintauchen in den Jugendstil Weite und Helligkeit. Zusätzlich kam mit der Öffnung des Kirchenschiffs zum neuen Anbau des Unterweisungsraums auch von Norden Licht herein.
Gut 100 Jahre später musste die Kirche innen und aussen vollständig restauriert und für weitere Jahrzehnte nutzbar gemacht werden. Die Sanierung wurde von 2021 bis 2025 für einen Gesamtbetrag von rund 1,8 Millionen Franken durchgeführt. Der Anlass bot sich an, in einem reich bebilderten kleinen Buch die Geschichte der Kirche nachzuzeichnen. Der Kirchgemeinderat bot die Schirmherrschaft. Ein Trio mit Wurzeln in Hindelbank besorgte den Text und die Fotos; die Gestaltung übernahm Bernard Schlup aus Bern.
Das Lehrerinnenseminar in Hindelbank von 1838 bis 1918
Hier würde bei einer «normalen» Kirche aus der Zeit der Reformation die Geschichte enden. Doch die Kirche in Hindelbank war zusätzlich während rund 80 Jahren noch mehr. Sie war mit der Pfarrfamilie, dem Pfarrhaus und der Pfrundscheune unter dem riesigen Wellingonia-Baum ein Ort, wo bernische Bildungsgeschichte geschrieben worden ist.
Einen ersten bildungspolitischen Aufbruch erlebte die Eidgenosschenschaft nach ihrer Eroberung durch Napoleon in den fünf Jahren der helvetischen Republik (1798 –1803). Der damalige Bildungs- und Kulturdirektor Stapfer wollte Demokratinnen und Demokraten bilden und führte die allgemeine Schulpflicht ein. Doch in den darauf folgenden Jahren der Restauration (bis 1830) wurde diese Errungenschaft zunichtegemacht. Es brauchte die in revolutionären Umständen durchgekämpfte Verfassung des liberalen Kantons Bern für Neuerungen in der Bildung. Dazu gehörte ein Seminar für Frauen, in dem Arbeitslehrerinnen und Primarlehrerinnen ausgebildet werden sollten. Da Kirche und Staat noch immer eng verbunden waren und Pfarrhäuser Raum boten, wurde das erste Seminar 1837 in Niederbipp gegründet. Kurz darauf erfolgte der Umzug nach Hindelbank in besser geeignete Räumlichkeiten. Bis 1918 wohnten die jungen Frauen teils im Estrich des Pfarrhauses, teils bei Familien in der Nähe. Um den Estrich besser zu erhellen, wurde im Dach des Pfarrhauses eine zweite Lukarne eingebaut.
In den Seminarbetrieb einbezogen waren der Pfarrer als Direktor, seine Frau als Hauswirtschafterin und bald eine weitere Lehrperson. Der praktische Unterricht fand in der Schule Hindelbank statt, die zur Probeschule wurde. Feierlich wurden die einzelnen Abschlussklassen promoviert.
Das Seminar für Frauen war nicht unumstritten. In der Lehrerschaft unter den Männern war die Befähigung von Frauen für den Lehrberuf umstritten, den Frauen wurde in der damaligen Zeit die Fähigkeit zur höheren Bildung abgesprochen. Die Pfarrtochter Anna Louise Grütter (1879 –1959) engagierte sich zeitlebens für Mitbestimmung und Bildung von Frauen und stellte die Frauenbewegung in den historischen Zusammenhang der Aufklärung. Aus unterschiedlichen Motiven wurde die enge Bindung an die Kirche kritisiert und eine Loslösung verlangt. Und immer mehr kamen auch Einwände auf dagegen, dass das Seminar in Hindelbank, im ländlichen Raum, nicht urban genug sein könne. Nach epischen Debatten entschied deshalb der Grosse Rat die Verlagerung des Seminars nach Thun. 1918, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde dort die erste Seminarklasse eröffnet. In Hindelbank blieben Räume zu anderweitiger Verwendung. Und es blieb die Erinnerung an eine bildungspolitische Pioniertat im Kanton Bern.
Drei Besonderheiten
Drei Dinge heben das Dorf Hindelbank aus der Vielzahl ähnlicher Ortschaften heraus. Das eine ist, wie beschrieben, die Kirche mit ihrem reichen Innenleben und als Ort der Frauenbildung. Das andere ist das zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbaute Schloss, eines der schönsten seiner Art in der Schweiz. Und das dritte ist die Entwicklung dieses Schlosses. Ursprünglich ein prunkvoller privater Landsitz für eine patrizische Familie wurde daraus eine öffentliche Verpflegungsanstalt für arme Menschen, später ein Ort der zwangsweisen Versorgung unangepasster Personen und schliesslich eine Justizvollzugsanstalt für Frauen. Deren Erneuerung steht bevor. Wie vor ein paar Jahren jene der Kirche. Und anders als überall sonst geht es um Frauen.
Text: zvg
Bilder: Roland Juker

