Fettleber – die unterschätzte Volkskrankheit
16.09.2026 AktuellDie Fettleber zählt heute zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt – und bleibt dennoch oft lange unbemerkt. Etwa jede vierte erwachsene Person ist betroffen, auch Menschen ohne Übergewicht. Da die Leber keine Schmerzen verursacht, wird die Erkrankung häufig erst erkannt, wenn bereits Folgeschäden drohen. Dr. med. Giulio Roncolato, Leitender Arzt Gastroenterologie, zeigt in einem Vortrag auf, wie eine Fettleber entsteht, welche Risikofaktoren eine Rolle spielen und warum sie weit mehr ist als ein harmloser Befund. Denn unbehandelt kann die Fettleber zu schweren Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden oder sogar Leberzirrhose und Leberkrebs führen. Gleichzeitig zeigt der Vortrag auf, welche Möglichkeiten der Prävention und Behandlung es gibt – und was jede und jeder Einzelne konkret für die eigene Lebergesundheit tun kann.
«D’REGION»: Was ist eine Fettleber genau und wie wird sie diagnostiziert?
Giulio Roncolato: Von einer Fettleber spricht man, wenn sich zu viel Fett in den Leberzellen einlagert. Medizinisch bedeutet das: Mehr als etwa fünf Prozent der Leberzellen sind verfettet. Die Ursachen sind unterschiedlich, wobei die grosse Mehrheit der Fälle entweder mit Stoffwechselstörungen, übermässigem Alkoholkonsum oder beidem zusammenhängt.
Der Verdacht auf eine Fettleber muss immer dann aufkommen, wenn bei einer routinemässigen Blutentnahme erhöhte Leberwerte festgestellt werden oder wenn die Patientin, der Patient mehrere metabolische Risikofaktoren aufweist. In diesem Fall ist die Durchführung eines Ultraschalls gerechtfertigt, bei dem die Leber typischerweise heller erscheint. Wenn man wissen möchte, ob bereits Vernarbungen vorliegen, können zusätzliche Verfahren wie eine Elastographie sinnvoll sein. Nur in besonderen Fällen braucht es eine Leberbiopsie.
«D’REGION»: Die Fettleber gilt als Volkskrankheit. Weshalb nimmt sie in unserer Gesellschaft so stark zu?
Giulio Roncolato: Unser Lebensstil hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Viele Menschen bewegen sich im Alltag zu wenig, sitzen viel und essen gleichzeitig zu kalorienreich – oft mit vielen stark verarbeiteten Produkten, Zucker und gesüssten Getränken. Dies führt zu Stoffwechselerkrankungen wie Übergewicht, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und eben auch zur Leberverfettung. Letztere ist ein Ausdruck einer Stoffwechselproblematik. Die Leber ist das Organ, das überschüssige Energie verarbeitet. Wenn dauerhaft mehr Energie aufgenommen als verbraucht wird, lagert die Leber Fett ein. Deshalb sehen wir heute immer häufiger Fettlebern bei Menschen mittleren Alters, aber auch bereits bei Jüngeren.
«D’REGION»: Viele Menschen denken, eine Fettleber betreffe vor allem Personen mit Übergewicht oder hohem Alkoholkonsum. Stimmt dieses Bild noch?
Giulio Roncolato: Dieses Bild stimmt im Kern, greift aber etwas zu kurz. Aktuelle medizinische Daten belegen klar: Die Fettleber tritt nach wie vor am häufigsten bei Personen mit starkem Übergewicht und/oder einem hohen Alkoholkonsum auf. Diese Faktoren sind die absoluten Haupttreiber der Erkrankung.
Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass eine Fettleber auch bei Menschen mit normalem Körpergewicht auftreten kann. Entscheidend ist nämlich nicht nur das Gewicht auf der Waage, sondern vor allem, wo das Fett gespeichert wird und wie der Stoffwechsel funktioniert. Besonders riskant ist Bauchfett (viszerales Fett), von dem auch Menschen mit normalem BMI betroffen sein können. Wenn Faktoren wie Insulinresistenz, genetische Veranlagung, erhöhte Blutfette oder bestimmte Medikamente hinzukommen, kann auch eine schlanke Person durchaus eine Fettleber entwickeln. Umgekehrt entwickelt nicht jeder Mensch mit Übergewicht automatisch eine schwere Lebererkrankung.
«D’REGION»: Warum bleibt eine Fettleber häufig so lange unbemerkt?
Giulio Roncolato: Die Betroffenen fühlen sich in der Regel völlig gesund. Manche berichten über unspezifische Symptome wie Müdigkeit, einen Leistungsknick oder ein Druckgefühl im rechten Oberbauch. Da diese Zeichen aber nicht eindeutig sind, werden sie oft anderen Ursachen zugeschrieben.
Hinzu kommt, dass die Erkrankung über Jahre schleichend verläuft. Die Leber ist ein sehr belastbares, «stummes» Organ und kann lange funktionieren, obwohl sie bereits krankhaft verändert ist. Deshalb wird die Fettleber oft zufällig entdeckt, etwa bei einer Routine-Blutuntersuchung oder einem Ultraschall aus einem ganz anderen Grund. Das Tückische daran ist: Es kommt vor, dass die ersten spürbaren klinischen Symptome erst dann auftreten, wenn die Erkrankung bereits ihr Endstadium – eine manifeste Leberzirrhose – erreicht hat.
«D’REGION»: Welche gesundheitlichen Folgen kann eine unbehandelte Fettleber haben?
Giulio Roncolato: Eine Fettleber ist nicht harmlos, auch wenn sie anfangs oft keine Beschwerden verursacht. Bei einem Teil der Betroffenen bleibt es bei der reinen Verfettung. Bei anderen entwickelt sich jedoch eine Entzündung der Leber. Diese Entzündung kann zu einer fortschreitenden Vernarbung des Gewebes führen, der sogenannten Fibrose.
Im weiteren Verlauf kann daraus eine Leberzirrhose entstehen. Dann wird das gesunde Lebergewebe zunehmend durch Narbengewebe ersetzt und die Leber kann ihre Aufgaben immer schlechter erfüllen. In schweren Fällen drohen Komplikationen wie Wasser im Bauch, Blutungen aus Krampfadern der Speiseröhre oder Leberkrebs. Wichtig ist ausserdem: Menschen mit einer Fettleber sterben nicht nur häufiger an Lebererkrankungen, sondern haben auch ein deutlich erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, Typ-2-Diabetes und Nierenerkrankungen.
«D’REGION»: Kann sich eine Fettleber wieder zurückbilden?
Giulio Roncolato: Ja, in sehr vielen Fällen kann sich eine Fettleber zurückbilden. Das ist eine der wichtigsten Botschaften überhaupt. Gerade in frühen Stadien ist die Leber erstaunlich regenerationsfähig. Wenn die Ursachen angegangen werden, kann das eingelagerte Fett wieder abgebaut werden.
Besonders wirksam ist eine nachhaltige Änderung des Lebensstils. Schon eine moderate Gewichtsabnahme kann die Leber deutlich entlasten. Als grobe Faustregel gilt: Eine Gewichtsreduktion von etwa fünf bis zehn Prozent kann die Leberverfettung oft spürbar verbessern. Mehr Bewegung, weniger Zucker, weniger stark verarbeitete Lebensmittel und bei einer alkoholbedingten Fettleber ein konsequenter Alkoholverzicht sind zentrale Schritte. Auch Begleiterkrankungen wie Diabetes, zu hohe Blutfette und Bluthochdruck sollten gut behandelt werden.
«D’REGION»: Woran erkenne ich, ob ich zur Risikogruppe gehöre? Gibt es Warnzeichen oder Vorsorgeuntersuchungen?
Giulio Roncolato: Zur Risikogruppe gehören vor allem Menschen mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Prädiabetes, erhöhten Blutfetten und Bluthochdruck. Wer regelmässig oder in grösseren Mengen Alkohol trinkt, sollte ebenfalls sehr aufmerksam sein.
Da die Patienten/-innen meistens völlig beschwerdefrei sind, gibt es kaum zuverlässige Warnzeichen. Darum ist es sinnvoll, bei vorhandenen Risikofaktoren gezielt nachzuschauen. Eine einfache hausärztliche Abklärung mit einer Erhebung der Krankengeschichte, Labor und gegebenenfalls Ultraschall ist oft der erste Schritt. Besonders Menschen mit Diabetes oder ausgeprägtem Bauchfett sollten das Thema aktiv in der Praxis ansprechen, auch wenn sie sich gesund fühlen.
«D’REGION»: Viele Menschen fragen sich, was sie konkret für ihre Leber tun können. Welche drei Massnahmen haben den grössten Effekt?
Giulio Roncolato: Lebensstilveränderung: Bewegung und Ernährung mit dem Ziel der Gewichtsabnahme. Eine nachhaltige Anpassung des Lebensstils hat den grössten Effekt. Es geht nicht um Crash-Diäten, sondern um eine gesunde Ernährung (zum Beispiel mediterrane Kost mit viel Gemüse, weniger Zucker und weniger hochverarbeiteten Produkten) kombiniert mit regelmässiger Bewegung wie Ausdauer- und Krafttraining.
Weniger beziehungsweise kein Alkohol: Da die Leber das Hauptorgan für den Alkoholabbau ist, bedeutet Alkohol immer zusätzliche Arbeit. Wer bereits an einer Fettleber leidet – auch wenn diese primär stoffwechselbedingt ist –, sollte seinen Alkoholkonsum drastisch reduzieren oder am besten ganz einstellen.
Optimierte Behandlung der vorhandenen metabolischen Krankheiten: Da die Fettleber eng mit dem restlichen Stoffwechsel verknüpft ist, müssen Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhte Blutfette ärztlich optimal eingestellt werden. Gute medizinische Werte sind essenziell für die Erholung der Leber.
«D’REGION»: Was möchten Sie den Besucherinnen und Besuchern Ihres Vortrags besonders mit auf den Weg geben?
Giulio Roncolato: Die wichtigste Botschaft ist: Eine Fettleber ist häufig und oft lange still – aber sie ist kein Schicksal. Man kann viel dagegen tun und zwar oft mit Massnahmen, die auch das Herz, die Gefässe, das Gewicht und das allgemeine Wohlbefinden verbessern. Wer früh handelt, hat sehr gute Chancen, die Leber wieder zu entlasten und Folgeschäden zu verhindern.
Ich würde dem Publikum ausserdem sagen: Man sollte die Fettleber weder dramatisieren noch bagatellisieren. Sie ist kein Grund zur Panik, aber ein ernstes Warnsignal des Körpers. Wer Risikofaktoren hat, sollte sich untersuchen lassen und die Diagnose als Chance verstehen, rechtzeitig die Weichen neu zu stellen.
Text und Bild: zvg
Vortrag in Langnau: Morgen Donnerstag, 17. September 2026, 19.00 Uhr, im Restaurant des Spitals Emmental, Dorfbergstrasse 10, Langnau.
Vortrag in Burgdorf: Donnerstag, 24. September 2026, 19.00 Uhr, im Kurslokal des Spitals Emmental (EG), Oberburgstrasse 54, Burgdorf.
Es wird um Anmeldung gebeten: www.spital-emmental.ch/vortrag-fettleber

