Ist das Milizsystem am Ende?
07.09.2026 AktuellAm Herbstanlass trafen sich Politiker/innen und Unternehmer/innen im Auditorium der Ypsomed AG an der Brunnmattstrasse 6 in Burgdorf. Im Fokus stand das Schweizer Milizsystem.
Es wird immer schwieriger, Menschen für die Übernahme eines Milizamtes zu gewinnen. Gleichzeitig werden deren Aufgaben komplexer, anspruchsvoller und zeitintensiver. Womit kann das Schweizer Erfolgssystem neu beflügelt werden? Eine Frage, die Gemeinden, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermassen beschäftigt. Nach der Begrüssung durch Markus Vögeli, Präsident HIV-Sektion Emmental, übernahm Andreas Wyss, Präsident Regionalkonferenz Emmental, die Moderation.
Referat mit Lukas Golder
Den Einstieg ins Thema machte Lukas Golder, Co-Leiter des Forschungsinstituts gfs in Bern, mit dem Inputreferat «Milizsystem unter Druck – Wer engagiert sich morgen?».
Schon seit Längerem spüren viele Gemeinden Schwierigkeiten, ausreichend Personal für die Gemeindeexekutive zu finden. In kleineren Gemeinden seien der soziale Druck und die Sorge um den Verlust der eigenen Autonomie besonders gross. In wachsenden Agglomerationen wiederum fehle es oft an der Identifikation mit dem Wohnort – und damit an der Motivation für ein politisches Engagement. Die zunehmende Polarisierung auf kantonaler und nationaler Ebene wirke für viele abschreckend.
Ein Mitglied einer Gemeindeexekutive investiert im Durchschnitt rund 40 Stunden pro Monat in sein Amt. Trotz gestiegener Entschädigungen bleibt das Milizsystem für die Gemeinden günstig. Einen eigentlichen Lohn ersetze die Vergütung jedoch nicht, bestätigten Gemeindevertretende in der anschliessenden Diskussion.
Was also motiviert Menschen, ein Milizamt zu übernehmen? Für Golder spielen der Wunsch, etwas zu bewirken und das Engagement für die Allgemeinheit eine zentrale Rolle. Neben einer angemessenen Entschädigung bezeichnete er die gesellschaftliche Anerkennung als «stille Nebenwährung». Gleichzeitig erleben Politiker/innen zunehmend Anfeindungen – eine Erfahrung, die auch mehrere Anwesende mit Beispielen bestätigten.
Umfragen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen, dass sich das politische Interesse in den letzten 12 Jahren kaum verändert hat. Die Befragten sehen ihr Engagement jedoch eher projekthaft und befristet. Gefragt sind deshalb mehr Gestaltungsspielraum und Entwicklungsmöglichkeiten, weniger Hierarchie sowie flexiblere Formen der Mitarbeit. Fachliche Unterstützung, flexible Zeiteinteilung und Online-Sitzungen könnten dazu beitragen, politische Milizarbeit attraktiver zu machen.
Talk mit Nationalrat Simon Michel
Der Gastgeber des Abends, Nationalrat und CEO der Ypsomed AG, Simon Michel, erläuterte das Thema aus Sicht der Wirtschaft. Michel übernahm seit seiner Jugend stets Verantwortung, zuerst in der Pfadi, dann im Sport, im Militär, in der Firma und natürlich in der Familie. Er habe sich für die Politik engagiert, weil Unternehmer im Kanton und dem Schweizer Parlament neben Vertretenden aus Bildung, Landwirtschaft und Justiz stark untervertreten seien. Auf die Frage, wie er Politik, Betrieb und Familie zeitlich schaffe, erwiderte er, das sei Organisationssache. Er lebt nach einem strikten Plan, verzichtet auf Kino und Fernsehen. Für sein genaues Zeitmanagement und für das operative Geschäft kann er auf seine Mitarbeitenden zählen – und er habe eine verständnisvolle Familie. Michel ist der Überzeugung, dass das Milizsystem beibehalten werden muss, denn Politiker/innen brauchen den Bezug zur Realität.
Podium mit Gemeinde- und Kantonspolitiker/innen
Gemeinde- und Kantonspolitiker/innen diskutierten Fragen aus dem Alltag der Milizpolitik. Viele ihrer Antworten deckten sich mit den Erfahrungen von Michel. Grossrätin Tabea Bossard-Jenni (EVP) zeigte sich begeistert von der politischen Arbeit, die sie als persönliche Bereicherung empfindet. Grossrat Ernst Kühni (SVP) wiederum engagiert sich politisch, weil er der Gesellschaft gerne etwas zurückgeben möchte. Gemeinderätin Daniela Schwarz (FDP, Signau) wird ihr Amt hingegen niederlegen. Zwar empfindet auch sie die politische Tätigkeit als äusserst bereichernd, doch die Belastung neben einem KMU und drei Kindern sei gross. Gemeindepräsident Peter Kuhnert (SP, Bätterkinden) hat sein berufliches Pensum reduziert, um sein Amt gewissenhaft ausüben zu können.
Die Gespräche machten deutlich, dass gerade für Unternehmer/innen ein Spannungsfeld entsteht: zwischen Verfügbarkeit, Effizienz und Flexibilität auf der einen sowie gesellschaftlichem Engagement, Verantwortung und Milizarbeit auf der anderen Seite.
Zum Ausklang des Abends unterhielten sich die Anwesenden bei einem gemeinsamen Apéro.
Text und Bild: Helen Käser

