«Mobilität zur Zeit Gotthelfs»
04.03.2026 Lützelflüh, Gesellschaft, Bildung / Schule, LützelflühAm vergangenen Donnerstagabend lud das Gotthelf Zentrum in Lützelflüh zur Vernissage der neuen Sonderausstellung ein. Sie widmet sich dem Thema «Mobilität zur Zeit Gotthelfs» und ist seit vergangenem Wochenende für die Besucherinnen und Besucher zugänglich. Kuratiert wurde sie von einer vierköpfigen Arbeitsgruppe des Beirats für Kultur und Literatur des Zentrums, bestehend aus Helena Sallmann, Patricia Zihlmann, Heinrich Schütz und Markus Hofer. Dem Team gehörte weiter der Grafiker Kurt Eichenberger an, der massgeblich dazu beitrug, die inhaltlichen Ideen in visuell ansprechender Form umzusetzen. Bespielt werden neben dem einstigen Audienzzimmer des Pfarrhauses, dem grössten Raum im Museum, der langgezogene Korridor sowie der Aussenbereich des Gotthelf Zentrums.
Die reich illustrierte Sonderausstellung führt Besucherinnen und Besucher zurück in eine Zeit des Umbruchs und Wandels und öffnet ein Fenster in die Vergangenheit. Während sich Albert Bitzius (1797–1854) und seine Zeitgenossen noch in erster Linie zu Fuss, mit Pferd, per Postkutsche, Wagen und Chaisli fortbewegten, zeichnete sich mit dem Siegeszug der Eisenbahn bereits ein neues Verkehrszeitalter ab: Die Bahn revolutionierte das Reisen ebenso wie den Transport und veränderte die Wahrnehmung von Raum und Zeit in kaum vorstellbarer Weise. «Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf erlebte den Übergang vom Postkutschen- ins Eisenbahnzeitalter hautnah mit», führte Markus Hofer, Präsident des Beirats, in seinem Referat anlässlich der Vernissage aus.
Die Eisenbahn erreicht die Schweiz
Im Jahr 1835 wurde die erste Eisenbahnstrecke in Deutschland eröffnet. Vier Jahre später verkehrten auch in Österreich, Frankreich und Italien Züge. Das heutige Bahnland Schweiz hinkte damals der Entwicklung in den Nachbarstaaten hinterher. Der erste Zug rollte am 15. Juni 1844 mit der Eröffnung der Teilstrecke von Saint-Louis nach Basel über Schweizer Boden – und legte eine Distanz von 1,8 Kilometern von der französischen Grenze bis in den provisorischen Bahnhof ausserhalb der Stadtmauern von Basel zurück. Rund anderthalb Jahre später, im Dezember 1845, wurde der erste offizielle Bahnhof der Schweiz innerhalb der Stadtmauern von Basel eingeweiht. Die Spanisch-Brötli-Bahn – die erste innerschweizerische Bahnstrecke zwischen Zürich und Baden – nahm ihren fahrplanmässigen Betrieb am 9. August 1847 auf. Die Züge fuhren damals natürlich noch nicht so schnell wie heute. Trotzdem empfanden die Fahrgäste das Tempo von rund 30 Stundenkilometern als atemberaubend schnell. Schwangeren Frauen riet man ab, mit der Spanisch-Brötli-Bahn zu fahren – mit dem Argument, die halsbrecherische Geschwindigkeit führe eventuell zu Fehlgeburten.
Bitzius’ erste Zugfahrt – ein prägendes Erlebnis
Bereits zuvor war die Eisenbahn natürlich ein vieldiskutiertes Thema. Albert Bitzius besuchte Ende September 1841 die Jahresversammlung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft in Basel, der er seit 1829 als Mitglied angehörte. Auf der Traktandenliste standen folgende Themen, welche die epochale Umwälzung infolge des Eisenbahnzeitalters bereits erahnen lassen: «Welche Vorteile kann die Anlegung von Eisenbahnen in der Schweiz für Industrie und allgemeinen Verkehr darbieten? Welchen Einfluss wird sie auf Sitte und Sittlichkeit ausüben? Und wie kann hiebei dem Verdrängen wünschenswerter, bei uns bestehender Sitten und Verhältnisse vorgebeugt werden?» Um einen Eindruck vom Reisen per «Dampfross» zu gewinnen, unternahmen die Teilnehmer – unter ihnen Bitzius – eine Probefahrt auf der neueröffneten Strecke von Saint-Louis nach Mulhouse. Dies muss für den Lützelflüher Pfarrer und Schriftsteller ein prägendes Erlebnis gewesen
sein.
«Ein feuriger Drache, der zornig über die Erde fuhr»
Jeremias Gotthelf war einer der ersten Autoren, der den Wandel durch die Industrialisierung und die Eisenbahn sowie deren Auswirkung auf die Mentalität der Menschen in seinen Werken thematisierte. In der sozialpolitischen Schrift «Die Armennoth» aus dem Jahr 1840 schreibt er: «Im Galopp geht es jetzt. Doch Galopp ist Schneckenspiel; auf den Flügeln des Dampfes fliegt man bergauf, bergab, bald durch die Luft; des Hirsches Lauf, des Vogels Flug ist dem Menschen zu langsam geworden, er denkt sich an einen Ort, und er ist am Ort. So rasch wie die Fahrt soll alles gehen, so rasch will jeder an jedem Ziele stehn.»
Auch das Eisenbahnunglück in der Nähe von Versailles vom 9. Mai 1842, das über 50 Todesopfer forderte und als erste grosse Katastrophe der Eisenbahngeschichte gilt, greift Gotthelf in seinem Werk auf: Im «Neuen Berner-Kalender», dessen Redaktion er von 1840 bis 1845 inne hatte, schreibt er, von Paris her sei «ein entsetzlicher Nothschrei» ertönt: «Dort war, von Versailles gegen Paris fahrend, ein grosser Eisenwagenzug ungewöhnlich angefüllt, von zwei Maschinen gezogen, in rasender Eilfahrt in Feuer aufgegangen den 9. Mai Abends. Hunderte von Reisenden füllten die neu angestrichenen Waggons, die in unbegreiflicher Schnelle Feuer fingen, und eine Flamme war der ganze Zug, ein feuriger Drache, der zornig über die Erde fuhr.»
Ein kurioses Wal-Dampfschiff
Das umfangreiche literarische Werk von Jeremias Gotthelf, aber auch seine Korrespondenz, erwies sich für die Ausstellungsmachenden als wahre Fundgrube. Man entdeckt Vieles über die damals gängigen Fortbewegungsmittel, die Infrastruktur, die Strassen und Postkutschenverbindungen, über den Transport, das Reisen und den Tourismus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Trotz vieler präziser und realistischer Schilderungen lässt sich allerdings nicht alles für bare Münze nehmen. Die Entwicklung der Mobilität und die technischen Innovationen regten auch die Fantasie an. So prangt auf dem Ausstellungsplakat zur Sonderausstellung ein kurioses Wal-Dampfschiff, das mittels künstlicher Intelligenz erzeugt wurde. Ein solch aussergewöhnliches Transportmittel schildert Gotthelf in der satirischen Kalendergeschichte «Reisebilder aus den Weltfahrten eines Schneiders», die sich im Kleinen mit den Lügengeschichten des Barons von Münchhausen vergleichen lassen. Darin heisst es: Ein Engländer sei «auf den Einfall gekommen, Wallfische für Dampfschiffe zu gebrauchen. Man habe nun die allergrößten, die man habe auftreiben können, lebendig eingefangen und sie ausgehöhlt bis an Herz, Lunge und Leber, so daß ein großer Platz entstanden, die Wallfische aber doch lebendig geblieben seien. Den Platz habe man nach der allerneusten Mode ausstaffirt und die Wallfische wohl dressirt, daß man sie leiten könne, wohin man wolle […], es sei schön warm darinnen, und es gehe zehnmal geschwinder, als ein gemeines Dampfschiff.»
Sechs Themeninseln
Im Sonderausstellungs-Raum gibt es insgesamt sechs verschiedene Themeninseln zu entdecken, die in Text und Bildern Aspekte zur «Mobilität zur Zeit Gotthelfs» beleuchten: «Reiseerlebnisse des Studenten Bitzius», «Badefahrten für Gesundheit und Geselligkeit», «Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz», «Gotthelf und die Eisenbahn», «Wege und Strassen» und «Gotthelf – ein präziser Beobachter seiner Zeit».
Es lohnt sich, die vielseitige Sonderausstellung zu besuchen, sich an den ausgestellten Exponaten zu erfreuen und dabei viel Interessantes zum Thema zu erfahren.
Text: Markus Hofer

