Multiple Sklerose – Krankheit mit 1000 Gesichtern

  15.04.2026 Region, Burgdorf, Gesellschaft, Bildung / Schule, Aktuell

Multiple Sklerose (MS) zählt zu den komplexesten neurologischen Erkrankungen – und dennoch hat sich für Betroffene in den vergangenen Jahren viel verändert. Sowohl im Bereich der Diagnostik und im Wissen über ursächliche Faktoren als auch im Bereich der Therapie konnten grosse Fortschritte erreicht werden, dank denen viele Menschen mit MS heute ein aktives und selbstbestimmtes Leben führen können. Im Vortrag von Christoph Friedli, Leitender Arzt der Neurologie am Spital Emmental, erfahren Interessierte, wie vielfältig sich MS äussert, welche ursächlichen Faktoren nach heutigem Wissensstand eine Rolle spielen, wie die Diagnose gestellt wird und welche anderen Diagnosen in Betracht gezogen werden sollten. Das Referat richtet sich an Betroffene, Angehörige und alle, welche die «Krankheit mit den 1000 Gesichtern» besser verstehen möchten.

«D’REGION»: Multiple Sklerose wird oft «die Krankheit mit den 1000 Gesichtern» genannt. Welche Symptome treten bei MS am häufigsten auf – und welche Überraschungen gibt es?
Christoph Friedli: Prinzipiell kann das gesamte zentrale Nervensystem (ZNS) von der Krankheit betroffen sein, aber es gibt einige Abschnitte des ZNS, die besonders häufig betroffen sind. Sehr oft bemerken von MS Betroffene Gefühlsstörungen in einer oder mehreren Extremitäten, einseitige Sehstörungen, aber auch eine Schwäche kann auftreten. Das häufigste Symptom im Verlauf der Krankheit ist die Fatigue. Überraschungen im eigentlichen Sinne sind selten, da, wie gesagt, das gesamte ZNS von der Erkrankung betroffen sein kann. Weniger häufige oder typische Symptome wären beispielsweise Anfälle oder Sprachstörungen.

«D’REGION»: Wie wird die Diagnose bei MS gestellt und wo liegen die gröss­ten Herausforderungen in der Diagnostik?
Christoph Friedli: Nach wie vor gibt es nicht einen einzelnen «MS-Test», der die Diagnosestellung erlaubt. Vielmehr gelingt die korrekte Diagnose erst durch ein Zusammenfügen typischer anamnestischer Angaben, meist typischer körperlicher Untersuchungsbefunde, typischer MR-Befunde und weiterer Zusatzdiagnostik. Zudem ist es von höchster Bedeutung, dass im Einzelfall auch eine genaue Diagnostik hinsichtlich «MS-Mimics» (Krankheiten, die sich wie MS präsentieren können) erfolgt. Die Diagnosestellung einer MS benötigt daher viel fachspezifisches Wissen.

«D’REGION»: Welche anderen Diagnosen müssen häufig ausgeschlossen werden, bevor die MS-Diagnose gestellt wird?
Christoph Friedli: Die Differenzialdia­gnostik bei erstmaliger Vorstellung ist sehr breit und umfasst je nach Situation unter anderem Infektionen, Stoffwechselstörungen, aber auch genetische Erkrankungen.

«D’REGION»: Was bedeutet die Diagnose MS für die Betroffenen – beruflich, familiär und persönlich?
Christoph Friedli: Eine generelle Antwort, die auf jede/n Betroffene/n zutrifft, ist hier nicht möglich, da sich die Krankheit, wie bereits erwähnt, bezüglich Ausprägung und Verlauf sehr unterschiedlich und zu verschiedenen Zeitpunkten präsentieren kann. Zudem sind die Auswirkungen einer Diagnose einer Multiplen Sklerose auch sehr abhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Beispielsweise ist die Situation bei einer jungen Frau mit Kinderwunsch nach einem erstmaligen Schubereignis eine andere im Vergleich zur einer schleichend progredienten Multiplen Sklerose bei einer Person im höheren Lebensalter. Deshalb ist es wichtig, dass jede/r Betroffene individuell betrachtet wird und man die Lebensumstände im Einzelfall berücksichtigt.

«D’REGION»: Viele Menschen verbinden MS noch immer mit frühen Behinderungen. Wie sehr haben moderne Therapien den Krankheitsverlauf in den vergangenen Jahren verändert?
Christoph Friedli: Viele Studien zeigen, dass durch eine frühe Diagnosestellung und eine frühzeitige individualisierte Therapie (meist mit hochwirksamen Medikamenten) bei einer Mehrheit der Betroffenen eine frühe körperliche Behinderung verhindert werden kann und insbesondere auch eine Einschränkung der Gehfähigkeit (wenn überhaupt) viel später auftritt. Trotz hochwirksamer Therapien mit erfolgreicher Unterdrückung entzündlicher Krankheitsaktivität kann es bei einem gewissen Teil der Betroffenen über viele Jahre zu einer schleichenden Zunahme von Beschwerden kommen, was auch durch neurodegenerative Anteile der Erkrankung bedingt sein kann. Aktuell ist diese schubunabhängige Verschlechterung deshalb auch ein Schwerpunkt in der Forschung.

«D’REGION»: Wie erklären Sie Betroffenen, was im Körper passiert, wenn die Autoimmunreaktion die Nerven­fasern angreift?
Christoph Friedli: In der Information über die Krankheit finde ich es wichtig, dass ich die Betroffenen dort abzuholen versuche, wo sie sich im Krankheitsverarbeitungsprozess befinden. Dieser Prozess ist sehr individuell, ebenso der Wunsch nach Informationen zur Erkrankung. 

«D’REGION»: Welche Faktoren gelten heute als ursächlich oder mitverantwortlich für die Entstehung von MS?
Christoph Friedli: Nach heutigem Wissensstand gibt es nicht einen einzelnen Auslöser der MS, vielmehr handelt es sich um ein individuelles Zusammenspiel von Umwelt- und Lebensstilfaktoren und genetischen Faktoren, die beeinflussen, ob und wann die Krankheit sich manifestiert. Diese Faktoren haben dann auch einen Einfluss auf die Verlaufsform.

«D’REGION»: Wie unterscheidet sich der Verlauf bei jungen und älteren Betroffenen?
Christoph Friedli: Auf Gruppenebene dominiert bei jüngeren Betroffenen meist der entzündliche Anteil der Krankheit mit Schubereignissen und anschliessender (zum Teil aber nur partieller) Erholung. Bei älteren Betroffenen manifestiert sich die Erkrankung häufiger durch eine schleichende, über vielen Monate auftretende Akkumulation von Symp­tomen, mit einem grösseren Einfluss des neurodegenerativen Anteils der Krankheit. Allerdings gibt es sicherlich auch Ausnahmen von diesen Beobachtungen. So ist es durchaus möglich, dass beispielsweise auch bei älteren Betroffenen Zeichen entzündlicher Krankheitsaktivität auftreten können. Zudem hat die Forschung in den vergangenen Jahren gezeigt, dass beide Phasen der Erkrankung (entzündliche und degenerative Phase) bei den Betroffenen auf individueller Ebene in einem unterschiedlichen Ausmass überlappen. 

«D’REGION»: Was möchten Sie Betroffenen und Interessierten vermitteln, die MS besser verstehen möchten?
Christoph Friedli: Glücklicherweise konnten in der Erforschung der Erkrankung und insbesondere auch in den medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieansätzen in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte erreicht werden, sodass wir MS bei einer überwiegenden Mehrzahl der Betroffenen gut behandeln, wenn auch (noch) nicht heilen können.

Text und Bild: zvg
Vortrag in Burgdorf: Donnerstag, 23. April 2026, 19.00 Uhr, im Kurslokal des Spitals Emmental (EG), Oberburgstrasse 54, Burgdorf. 
Vortrag in Langnau: Donnerstag, 30. April 2026, 19.00 Uhr, im Restaurant des Spitals Emmental, Dorfbergstrasse 10, Langnau.
Es wird um Anmeldung gebeten: www.spital­-emmental.ch/vortrag-multiple-sklerose.


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