Neue Gemeindegrenzen in Aussicht
20.07.2026 Politik, Rüti bei Lyssach, PolitikAn den Gemeindeversammlungen verschiedener Gemeinden im Einzugsgebiet der Zeitung «D’REGION» wurden im Mai und Juni Fusionsabklärungen bekannt gegeben. Noch stehen die potenziellen Fusionen ganz am Anfang: In Rüti bei Lyssach und Lyssach wurde gerade ein Kredit für eine Machbarkeitsstudie für eine Fusion freigegeben. In den Gemeinden Aefligen, Rüdtligen-Alchenflüh und Kirchberg finden im August erste Gespräche über die Möglichkeit einer Fusion statt.
Gemeindefusionen sind im Einzugsgebiet der Zeitung «D’REGION» keine Seltenheit. Mitte der 2010er-Jahre schoss die Anzahl der Fusionen im gesamten Kanton Bern, aber auch in der Region in die Höhe. Im Jahr 2014 schlossen sich in der grössten erfolgreichen Gemeindefusion acht Gemeinden (Büren zum Hof, Etzelkofen, Fraubrunnen, Grafenried, Limpach, Mülchi, Schalunen und Zauggenried) zu Fraubrunnen zusammen. Im gleichen Jahr fusionierten Jegenstorf, Münchringen und Scheunen zur Gemeinde Jegenstorf. Die Gemeinden Niederösch und Oberösch schlossen sich 2015 Ersigen an. Nicht alle Fusionsvorhaben wurden jedoch erfolgreich umgesetzt. Teilweise blieb trotz Abklärungen alles beim Alten. Eine Fusion von Bätterkinden, Utzenstorf, Zielebach und Wiler zur Gemeinde Landshut scheiterte 2015 an der Urne. Die Prüfung einer Fusion in der Region Brandis verlief bereits in der Gesprächsphase im Sand. Danach schien der Trend zu Gemeindefusionen abzuflachen, obschon der Kanton Bern bis heute mittels Anreizen Gemeindezusammenschlüsse fördert. Erst im Jahr 2021 bewegte sich im Einzugsgebiet der Zeitung «D’REGION» wieder etwas. Hindelbank und Mötschwil schlossen sich zu Hindelbank zusammen. Und nun, wieder fünf Jahre später, stehen wieder zwei Gemeindefusionen mit gesamthaft fünf beteiligten Gemeinden zur Debatte.
Die Gemeinden Aefligen, Rüdtligen-Alchenflüh und Kirchberg nehmen in Kürze Sondierungsgespräche über eine mögliche Fusion auf. Lyssach und Rüti bei Lyssach dagegen stecken bereits in der Ausarbeitungsphase des konkreten Fusionsprojekts. Eine allfällige Fusion der zwei Gemeinden könnte bereits per Anfang 2028 geschehen. Damit ein Zusammenschluss zustande kommt, ist die Zustimmung der Bevölkerung in beiden beteiligten Gemeinden erforderlich.
Gestalten statt Verwalten in Rüti bei Lyssach
Mit dem anvisierten Zusammenschluss verfolge Rüti das Ziel, die Gemeinde zukunftsgerichtet weiterzubringen, erläutert Walter Schöni, Gemeinderatspräsident von Rüti gegenüber der Zeitung «D’REGION». Vor allem die IT-Anforderungen würden eine kleine Gemeinde wie Rüti bei Lyssach überfordern, sowohl in finanzieller als auch personeller Hinsicht. Die Kosten für die benötigte Infrastruktur beliefen sich bei einer kleinen Gemeinde auf einen ähnlich hohen Betrag wie bei einer zehnmal grösseren, wodurch die Kosten kaum zu stemmen seien. Auch personell werde es immer schwieriger, alle Ämter in der Gemeinde zu besetzen. Zwar seien bis 2027 keine Positionen vakant. Doch wie es danach weitergehe, sei offen. Um den «Gemeindegeist» macht sich Walter Schöni im Falle einer Fusion keine Sorgen. Bereits jetzt orientiere sich das soziale Leben in der Gemeinde sehr stark an Lyssach. Eigene Vereine gibt es keine mehr, für viele Belange müssen die Bürgerinnen und Bürger von Rüti bereits heute nach Lyssach oder in andere Gemeinden ausweichen. «Ich denke, eine Fusion brächte für die Bevölkerung nur wenige Veränderungen – und wenn, dann vor allem positive», beurteilt Walter Schöni die Ausgangslage. Als Beispiel nennt er die Öffnungszeiten der Gemeindeverwaltung. Die einzige Gemeindeangestellte in Rüti arbeitet nur 40 Prozent, der Schalter ist nur am Mittwochnachmittag geöffnet. Gerade für Berufstätige ist das natürlich suboptimal. Auch der vergleichsweise relativ hohe Steuerfuss würde bei einer Fusion wahrscheinlich leicht sinken. Weiter soll mit einer Fusion auch verhindert werden, dass Rüti in Zukunft mangels Ressourcen zwangsverwaltet oder -fusioniert werden muss.
Kilian Thomann, Gemeindepräsident von Lyssach, sieht die grösste Herausforderung einer Fusion darin, die Unterschiede der Reglemente herauszuarbeiten und anschliessend zu vereinheitlichen – vor allem also in bürokratischen Aufgaben anstehen. Er erachtet es zudem als sehr wichtig, die Bevölkerung beider Gemeinden transparent über die Prozesse und deren Auswirkungen zu informieren. Aufgabe der Politik sei es, diese Auswirkungen für die Bevölkerung verständlich aufzuarbeiten und zu vermitteln. Für den Gemeinderat und die Verwaltung bedeuten die Fusionsabklärungen eine grosse Mehrbelastung. Es sei jedoch eine spannende Aufgabe, so Kilian Thomann.
Als nächster Schritt werden unter der Leitung der von Rüti und Lyssach eingesetzten externen Firma Finances Publiques diverse Sitzungen stattfinden. Viele Diskussionspunkte, beispielsweise die Schulbildung, konnten gemäss Kilian Thomann bereits geregelt werden und auch kulturell sind die Gemeinden dank gemeinsamer 1.-August- und Weihnachtsfeiern nahe beieinander.
Der ambitionierte Zeitplan sieht vor, bis Mitte 2027 einen Grundlagenbericht zu erarbeiten. An den Gemeindeversammlungen im Herbst 2027 sei die Schlussabstimmung vorgesehen, damit die fusionierte Gemeinde, wenn möglich, per 1. Januar 2028 den Betrieb aufnehmen könne. Der Ablauf der Fusion wird durch die «Best Practices»-Beispiele strukturiert, welche vom Kanton Bern zur Verfügung gestellt werden.
Begonnen haben die Gespräche bereits im Herbst 2025, als sich Rüti bei Lyssach ein erstes Mal über die Möglichkeit einer Fusion erkundigte. Nach einer positiven Antwort seitens des Gemeinderates Lyssach wurde in einem Start-Workshop mit den beiden Gemeinderäten, der Verwaltung und Vertretern des Kantons das Projekt lanciert. Nun seien die Gemeinden damit beschäftigt, die Reglemente und Verträge zu prüfen und deren Auswirkungen auf die Fusion abzuschätzen, so Kilian Thomann.
Die Gemeindeversammlungen in beiden Gemeinden bewilligten einen Verpflichtungskredit für die Finanzierung der Fusionsabklärungen. 50 Prozent der Kosten werden vom Kanton übernommen. Seit 2010 fördert der Kanton Bern wie erwähnt Zusammenschlüsse von Gemeinden mit finanziellen Mitteln.
Für Lyssach und Rüti bei Lyssach wäre ein Zusammenschluss zahlenmässig wenig bedeutsam. Rütis 155 Einwohnende würden im Vergleich mit Lyssachs 1490 Einwohnerinnen und Einwohnern nur einen kleinen Unterschied bedeuten, aber immerhin steuerte Rüti im Fall einer Fusion mit 1,3 Quadratkilometern gut einen Fünftel der neuen Fläche bei. Der Gemeindesteuersatz von Rüti, der mit 1,79 eher hoch ist, ginge bei einer Fusion mit Lyssach, das einen Steuerfuss von 1,39 hat, etwas zurück.
Der Gemeindeverband Kirchberg und andere Zusammenarbeitsformen
Bereits heute teilen sich viele Gemeinden verschiedene Aufgaben. Eine in allen Bereichen komplett eigenständige Gemeinde existiert praktisch nicht mehr. So arbeiten die Gemeinden Aefligen, Ersigen, Kernenried, Kirchberg BE, Lyssach, Rüdtligen-Alchenflüh und Rüti bei Lyssach via Gemeindeverband Kirchberg bei vielen Verwaltungs- und Dienstleistungsaufgaben zusammen. Unter anderem verwaltet der Gemeindeverband für die sieben Gemeinden die Oberstufenschulanlagen sowie die Sportanlagen und auch das Bestattungswesen mit zwei Friedhöfen. Der Gemeindeverband übertrug jedoch im vergangenen Jahr zwei Zuständigkeitsbereiche an andere Institutionen: Die Leitung des Seniorenzentrums Emme ging in die Hände des Wohn- und Pflegeheims St. Niklaus in Koppigen über und die regionale Zivilschutzorganisation Kirchbergplus wurde in die ZSO Ämme ausgelagert.
Die ZSO Ämme ist zuständig für den Katastrophenschutz und die Nothilfe in den Gemeinden Aefligen, Alchenstorf, Bäriswil, Bätterkinden, Burgdorf, Ersigen, Heimiswil, Hellsau, Hindelbank, Höchstetten, Iffwil, Kernenried, Kirchberg, Koppigen, Krauchthal, Lyssach, Mattstetten, Moosseedorf, Oberburg, Rüdtligen-Alchenflüh, Rumendingen, Rüti bei Lyssach, Urtenen-Schönbühl, Utzenstorf, Wiler bei Utzenstorf, Willadingen, Wynigen und Zielebach.
Aber auch kleinere Verbände und Zusammenarbeitsformen existieren. So teilt beispielsweise Rüdtligen-Alchenflüh den Werkhof mit Lyssach und nicht mit der potenziellen Fusionsgemeinde Kirchberg.
Gemeindefusionen bedeuten nicht das Ende der Gemeindeverbände. Im Allgemeinen werden bei Fusionen bestehende Gemeindeverbände durch die Fusionsgemeinden beibehalten.
In Kirchberg, Aefligen und Rüdtligen-Alchenflüh sollen erste Sondierungsgespräche geführt werden
Die Gemeinden Aefligen, Rüdtligen-Alchenflüh und Kirchberg kündigten an ihren jeweiligen Gemeindeversammlungen im Juni ergebnis-
offene Gespräche für eine mögliche Gemeindefusion an. Die Gespräche werden diesen Sommer stattfinden. Das Ziel ist die Erarbeitung eines Grundlagenberichts mit der Auflistung von Vor- und Nachteilen der verschiedenen Zusammenarbeitsformen. Auf Basis der Ergebnisse werden die Gemeinden über das weitere Vorgehen entscheiden. Die Initiative ging von der Gemeinde Aefligen aus, wie die Zeitung «D’REGION» auf Nachfrage erfahren hat.
Auf Seiten der drei Gemeinden sind noch viele Fragen vorhanden, welche auf diese Weise geklärt werden sollen. Eine grosse Sorge von Patrizia Lambroia, Gemeinderatspräsidentin von Rüdtligen-Alchenflüh, betrifft den Erhalt der kommunalen Angebote und des Gemeindezusammenhalts. Dieser sei gegenwärtig in Rüdtligen-Alchenflüh sehr stark. Veranstaltungen, welche gerade aufgrund der geringen Grösse der Gemeinde möglich seien, wie zum Beispiel der beliebte Seniorenausflug, würden nach einer Fusion nicht mehr gleich funktionieren. Sie stehe deshalb einem Zusammenschluss eher kritisch gegenüber, zumal Rüdtligen-Alchenflüh finanziell und personell gut dastehe. Die Schwierigkeit, Sitze im Gemeinderat oder in den Kommissionen zu besetzen, kennt allerdings auch Rüdtligen-Alchenflüh, jedoch hätten sich mit ein bisschen Nachdruck stets geeignete Persönlichkeiten finden lassen. Patrizia Lambroia zeigt sich alles in allem offen, an Gesprächen weitere Aspekte und Vor- und Nachteile zu klären.
Die Gemeinden Aefligen und Kirchberg wollten sich auf Anfrage der Zeitung «D’REGION» noch nicht zu den Gesprächen äussern. Für Aussagen dazu sei es noch zu früh, hiess es.
Es lassen sich also keine abschliessenden Bemerkungen zu dieser potenziellen Fusion machen. Käme ein Zusammenschluss der drei Gemeinden zustande, würden sich wohl vor allem zwei kleinere Gemeinden einer grösseren anschliessen. Kirchberg würde ungefähr 65 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner der neuen Gemeinde ausmachen, die Aefliger knapp 15 Prozent und die restlichen 20 Prozent die Bevölkerung von Rüdtligen-Alchenflüh.
Die Gemeindesteuersätze der drei Gemeinden sind derzeit sehr unterschiedlich. Zwischen dem Gemeindesteuersatz von Kirchberg (1,59) und jenem von Aefligen (1,95) gibt es einen deutlichen Unterschied. Rüdtligen-Alchenflüh hingegen liegt mit 1,65 bereits jetzt nicht weit von Kirchberg entfernt.
Text und Bilder: Rosie Schenk


