Prostatakrebs: Früherkennung, Therapie und Lebensqualität

  14.10.2026 Aktuell, Gesellschaft, Bildung / Schule

Prostatakrebs ist die häufigste Kreb­s­erkrankung beim Mann – und bleibt in frühen Stadien oft lange unbemerkt. Gerade weil die Erkrankung meist langsam verläuft und zunächst keine Beschwerden verursacht, kommt der Früherkennung eine entscheidende Bedeutung zu. Doch Vorsorgeuntersuchungen sind nicht unumstritten: Wann sind sie sinnvoll und welche Vor- und Nachteile gibt es? Im Vortrag geben Dr. med. Hans Schudel und sein Team einen verständlichen Überblick über Entstehung, Diagnose und Verlauf von Prostatakrebs. Begleitet wird der Vortrag von Aimee Oswald, dipl. Physio­therapeutin und Beckenbodenspezialis­tin. Sie beleuchtet die Schwerpunkte und Behandlungsmöglichkeiten in der physiotherapeutischen Nachversorgung bei Prostata­operationen.

«D’REGION»: Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung beim Mann. Warum ist eine frühzeitige Diag­nose so entscheidend?
Hans Schudel: Prostatakrebs ist eine Erkrankung mit vielen Gesichtern. Mehrheitlich entwickelt sich ein Pros­tatakrebs sehr langsam und verursacht über viele Jahre keine Beschwerden. Andere Prostatatumoren können hingegen aggressiver wachsen, sich im Körper ausbreiten und einen tödlichen Verlauf nehmen. Wird ein Prostatakrebs entdeckt, bevor er sich ausgebreitet hat, bestehen häufig sehr gute Behandlungsmöglichkeiten und Heilungschancen. Genau deshalb ist es wichtig, die Erkrankung möglichst früh zu erkennen.
Eine frühe Diagnose bedeutet nicht automatisch, dass jeder Tumor behandelt werden muss – sie schafft aber die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Patienten die richtige Strategie zu wählen.

«D’REGION»: Wie verläuft Prostatakrebs typischerweise und wann wird er gefährlich?
Hans Schudel: Prostatakrebs verläuft sehr unterschiedlich. Manche Tumoren wachsen so langsam, dass sie nie zu einem ernsthaften Problem werden. Andere wachsen schneller und können in das umliegende Gewebe oder später in Lymphknoten und Knochen streuen.
Das Entscheidende ist deshalb nicht allein die Diagnose «Prostatakrebs», sondern die Frage: Wie aggressiv ist dieser konkrete Tumor? Dafür betrachten wir unter anderem den PSA-Wert (Prostataspezifisches Antigen), Bildgebungen sowie die Eigenschaften des Tumorgewebes aus einer Gewebeprobe. Gefährlich wird Prostatakrebs vor allem dann, wenn er sich ausserhalb der Prostata ausbreitet und Metastasen bildet. Besonders häufig sind dabei die Knochen betroffen. Heute können auch fortgeschrittene Erkrankungen oft über längere Zeit behandelt und kontrolliert werden, allerdings ist eine Heilung in diesem Stadium meist nicht mehr möglich.

«D’REGION»: Vorsorgeuntersuchun­gen sind umstritten. Was spricht dafür – und was dagegen? 
Hans Schudel: Hier ist eine differenzierte Betrachtung wichtig. Der Vorteil einer Früherkennung liegt darin, dass ein aggressiver Prostatakrebs entdeckt werden kann, bevor er Beschwerden verursacht oder sich ausgebreitet hat. Dadurch kann eine Behandlung mit dem Ziel der Heilung möglich sein.
Auf der anderen Seite kann die Früh­erkennung auch Nachteile haben. Der PSA-Wert kann beispielsweise erhöht sein, ohne dass ein gefährlicher Krebs vorliegt. Umgekehrt kann ein unauffälliger PSA-Wert einen Tumor nicht mit absoluter Sicherheit ausschliessen. Weitere Untersuchungen – etwa eine MRT oder eine Biopsie – können deshalb notwendig werden. Ausserdem können durch die Früherkennung auch Tumoren entdeckt werden, die niemals Probleme verursacht hätten. Das kann zu unnötigen Untersuchungen und möglicherweise auch zu einer Behandlung führen, die man eigentlich hätte vermeiden können.
Deshalb sollte die Entscheidung zur Früherkennung möglichst individuell und nach einem Gespräch mit dem Arzt, der Ärztin getroffen werden. Alter, familiäre Belastung und weitere persönliche Risikofaktoren spielen dabei eine Rolle. Je nach individuellem Risiko kann ein Gespräch über die Früherkennung bereits ab etwa dem 50. Lebensjahr sinnvoll sein; bei erhöhtem familiärem Risiko teilweise auch früher.

«D’REGION»: Wie haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren verändert?
Hans Schudel: Hier hat sich sehr viel getan. Wir können Prostatakrebs heute wesentlich genauer diagnostizieren und dadurch besser zwischen eher harmlosen und aggressiveren Tumoren unterscheiden. Einen wichtigen Fortschritt stellen beispielsweise die multiparametrische MRT der Prostata und hochauflösende Ultraschallgeräte dar. Sie können helfen, verdächtige Bereiche gezielter zu erkennen und gegebenenfalls eine Gewebeentnahme präziser durchzuführen.
Auch bei der Behandlung gibt es heute deutlich mehr Möglichkeiten. Je nach Situation kommen unter anderem Operation, Bestrahlung, aktive Überwachung oder in besonderen Fällen eine fokale Therapie infrage. Bei fortgeschrittener Erkrankung stehen immer mehr wirksame Medikamente zur Verfügung, welche die Entwicklung des Tumors bremsen können.
Entscheidend ist dabei: Es gibt nicht die eine beste Behandlung für jeden Patienten. Aggressivität und Ausbreitung des Tumors sowie Alter, Gesundheitszustand, Lebenserwartung und die persönlichen Wünsche des Patienten müssen gemeinsam berücksichtigt werden.

«D’REGION»: Nicht jeder Prostatakrebs muss sofort behandelt werden. Wann kann auch ein abwartendes Vorgehen sinnvoll sein?
Hans Schudel: Das ist für viele Patienten zunächst überraschend: Eine Krebsdiagnose bedeutet nicht automatisch, dass sofort operiert oder bestrahlt werden muss. Bei einem kleinen, wenig aggressiven Tumor kann eine sogenannte aktive Überwachung sinnvoll sein. Dabei wird der Krebs nicht einfach ignoriert. Stattdessen wird der Patient engmaschig kontrolliert – beispielsweise mit PSA-Messungen, Bildgebung und gegebenenfalls erneuten Gewebeproben. Das Ziel ist, eine Behandlung so lange zu vermeiden, wie der Tumor keine Anzeichen zeigt, dass er gefährlicher wird. Sollte sich herausstellen, dass der Krebs aktiver wird, kann immer noch eine Behandlung eingeleitet werden.
Für Männer mit einem langsam wachsenden, wenig aggressiven Tumor kann dieses Vorgehen einen wichtigen Vorteil haben: Sie können möglicherweise über viele Jahre ohne die Nebenwirkungen einer Operation oder Bestrahlung leben. Ob eine aktive Überwachung infrage kommt, hängt allerdings sehr stark von den Eigenschaften des Tumors und von der persönlichen Situation des Patienten ab.
Wichtig ist deshalb der Unterschied zwischen «abwarten» und «nicht behandeln»: Bei der aktiven Überwachung wird die Erkrankung bewusst und strukturiert beobachtet, um den richtigen Zeitpunkt für eine Behandlung nicht zu verpassen.

«D’REGION»: Nach einer Prostata­operation kann die Physiotherapie eine wichtige Rolle spielen. Wie können Betroffene durch ein gezieltes Beckenbodentraining unterstützt wer­den? 
Aimee Oswald: Die Physiotherapie kann – auch schon im Vorfeld der Operation – beratend und mit gezielten Interventionen zur raschen Genesung verhelfen. Dazu gehören die Wahrnehmung und die Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur. Neuste Studien zeigen, dass spezifische Physiotherapie bei Spezialis­tinnen und Spezialisten der Beckenbodenrehabilitation die Ge­ne­­sungsdauer verkürzt und die Lebensqualität der Patienten nach Pros­tatektomien verbessert. Diese beginnt auch schon vor der Operation mit Instruktionen und Patientenschulung zur Förderung der Selbstwirksamkeit. 
Nebst den üblichen postoperativen Nebenwirkungen wie Wundschmerzen oder eingeschränkter Mobilität treten auch weitere Nebenwirkungen auf, die zwar in der ersten Zeit nach der Operation für Patienten im Alltag unbekannt und belastend, doch in den meisten Fällen gut behandelbar sind. Die spezifische Beckenbodenphysiotherapeutin erfasst und untersucht die Beschwerden und verfolgt ein individuell zusammengestelltes Rehabilitationsprogramm, bestehend aus Instruktionen für den Alltag und den Wiedereinstieg in den Beruf sowie den Sport.

«D’REGION»: Was können Patienten selbst dazu beitragen, dass sie nach einer Prostataoperation möglichst rasch wieder zu ihrem Alltag zurückfinden? 
Aimee Oswald: Selbstwirksamkeit ist einer der wichtigsten Bestandteile der Genesung nach einer Prostatektomie. Die Rehabilitation – wie oben bereits angedeutet – beginnt schon vor der Operation. Als optimale Vorbereitung dienen die Aufklärung über die bevorstehende Operation und mögliche Nebenwirkungen sowie präoperative Beckenbodenübungen und Übungen zur Förderung der Mobilität. Dies hilft den Patienten, die Veränderungen in ihrem Körper besser zu verstehen, und zeigt ihnen, wie sie aktiv und Schritt für Schritt zu ihrer eigenen Genesung beitragen können.

«D’REGION»: Beckenbodentraining wird oft unterschätzt. Welche Fortschritte erleben Sie bei Ihren Patienten durch eine gezielte physiotherapeutische Begleitung? 
Aimee Oswald: Für mich als Beckenbodenspezialistin ist es immer wieder erfreulich zu sehen, wie die spezifische Physiotherapie die Patienten unterstützt, wieder aktiv an ihrem Alltag teilzunehmen. Das Verständnis über ihren aktuellen Zustand und die Dauer des Heilungsprozesses erlaubt den Patienten, sich damit auseinanderzusetzen. Sie werden darin bestärkt, ihre Genesung bestmöglich zu unterstützen. Die enge Zusammenarbeit der Fachpersonen – im Speziellen zwischen Urologe und Physiotherapeutin – spielt eine wichtige Rolle in der Nachversorgung der Patienten.

Text und Bilder: zvg

Vortrag in Burgdorf: Donnerstag, 29. Oktober 2026, 19.00 Uhr, im Kurslokal des Spitals Emmental (EG), Oberburgstrasse 54, Burgdorf.
Vortrag in Langnau: Donnerstag, 5. November 2026, 19.00 Uhr, im Restaurant des Spitals Emmental, Dorfbergstrasse 10, Langnau. 
Es wird um Anmeldung gebeten: www.spital-­emmental.ch/publikumsvortraege.


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote