Seit 30 Jahren dreht Heinz Gerber Filme, die bewegen

  12.08.2026 Aktuell, Gesellschaft, Aktuell, Kultur

Heinz Gerber, der mit seiner Ehefrau Silvia seit sechs Jahren in der Gemeinde Lützelflüh lebt, ist ein passionierter Filmemacher. Seit mittlerweile 30 Jahren realisiert er jedes Jahr einen neuen Film. Sein aktuellster Kurzfilm «egoistisch» feierte anfangs Juli 2026 am nationalen Filmfestival des Verbands 
swiss.movie in Solothurn seine Premiere. Swiss.movie ist der Dachverband der nicht-kommerziellen Filmerinnen und Filmer der Schweiz. In «egoistisch» setzt sich Heinz Gerber auf sensible und persönliche Weise mit einem düsteren, aber gesellschaftlich relevanten Thema auseinander – mit sexuellem Missbrauch im familiären Umfeld. 

Ein Film, der erschüttert
«Egoistisch», inspiriert durch eine wahre Begebenheit, ist keine leichte Kost. Der Film begleitet ein 15-jähriges Mädchen beim Verfassen seines Tagebuchs. Die Tagebucheinträge zeichnen das Bild eines zutiefst verletzten jungen Menschen. «Vor Jahren lernte ich eine junge Frau kennen, die ähnliche traumatische Erfahrungen durchleben musste wie die Protagonistin in meinem Film. Sie vertraute sich mir damals an, weil ich für sie ein Fremder war und in keiner Beziehung zu ihrer Familie stand. Ich versuchte, sie nach Kräften zu unterstützen. Ihr Schicksal berührte mich sehr und hat mich bis heute nicht mehr losgelassen», erzählt der Regisseur. Bereits vor 15 Jahren setzte er sich im Film «Die Brücke» mit sexuellem Missbrauch innerhalb der Familie auseinander – nun greift er das Thema erneut aus einer andern Perspektive auf. «Mit meinem Film möchte ich aufklären, aufrütteln und den Betroffenen eine Stimme geben. Indem ich auf Beratungsstellen hinweise, soll der Film zugleich auch als Hilfsangebot verstanden werden,» betont Heinz Gerber. 
Die Jury in Solothurn zeigte sich begeistert und zeichnete «egoistisch» mit dem Preis «Regie» aus. «Die Idee wurde als mutig, wichtig und hervorragend umgesetzt bewertet. Die gewählte Form eines pseudo-dokumentarischen Ansatzes unterstützt die Authentizität und Wirkung des Films», heisst es im Fazit der Jury. Zudem wurde der Film von Heinz Gerber mit zwei weiteren Schweizer Produktionen für das internationale Filmfestival UNICA (Union Internationale du Cinéma) 2027 in Cannes selektioniert. «Ich freue mich ungemein, dass der Film auf so positive Resonanz gestossen ist und ich ihn im kommenden Jahr am internationalen Festival in Cannes zeigen darf», so Heinz Gerber. 

Bereits sein filmisches Debüt wurde ausgezeichnet
Es ist nicht das erste Mal, dass Heinz Gerber diese Ehre zuteil wird:  Fünf weitere seiner Produktionen schafften im Laufe der Jahre die Selektion für das Filmfestival UNICA – darunter sein Erstlingswerk «Einmal im Leben» aus dem Jahr 1997. Der Film erzählt die Geschichte des einsamen Emmentaler Bauern Hälmu, der seinen alten Koffer packt, um einmal im Leben nach Paris zu reisen… Doch Hälmu, soviel sei an dieser Stelle verraten, erreicht die französische Hauptstadt nie. 
«Zunächst drehte ich ausschliesslich private Ferien- und Familienfilme», erinnert sich Heinz Gerber an die Anfänge seines Schaffens. «Da mich das Filmen immer faszinierte, trat ich dem Club ‹Berner Film und Video Autoren› bei, welcher der Dachorganisation ‹swiss.movie› angeschlossen ist. Mein Debüt ‹Einmal im Leben› entstand als Beitrag für den club-internen Wettbewerb und gewann später die Silbermedaille am nationalen Festival. Dieser Erfolg gab mir Auftrieb und bestärkte mich darin, meiner Leidenschaft weiter nachzugehen.» 

Ein vielseitiges filmisches Werk
Das Oeuvre von Heinz Gerber umfasst rund 30 Filme – die meisten sind Kurzfilme. Es entstanden aber auch einige längere Werke, wie etwa der rund einstündige Dokumentarfilm «Hirtenleben im Hinterarni», den er als Auftragsarbeit in Zusammenarbeit mit Jörg Fritschi realisierte. Darin wird das Leben von sieben Hirtschaften auf der Alp Hinterarni im Emmental gezeigt mit ihrem harten Arbeitsalltag vom Frühjahr bis in den Winter. Weiter realisierte Gerber auch zwei Kurz-Krimis, beide basierend auf einer Geschichte von bekannten Autoren. «Der Geruch der alten Geigen» aus dem Jahr 2021, nach einer literarischen Vorlage von Gabriel Anwander aus Langnau im Emmental, handelt von einem Stradivari-Fälscher. «Rache im Kuttelbad» von 2024 entstand nach der literarischen Vorlage «Tod am Napf» aus der Feder der in Oberburg aufgewachsenen Schweizer Krimi-Legende Christine Brand. In mehreren Kurzfilmen spann Heinz Gerber zudem die Geschichte um den eigenbrötlerischen Emmentaler Bauern Hälmu weiter. Der Filmemacher, der vor seiner Pensionierung für das Unternehmen Moser-Baer AG in Sumiswald tätig war, scheute sich nie davor, heikle und schwierige Themen aufzugreifen. Der Film ‹Rosenzeit› aus dem Jahr 2000, der eine Liebesbeziehung zwischen zwei Männern in den Mittelpunkt rückt, zeigt auf, dass gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Paare die gleichen Leiden und Freuden erleben. Eine Kuss-Szene warf damals grosse Wellen und sorgte für Kontroversen. «Der Film war seiner Zeit voraus, auch wenn das Gezeigte aus heutiger Optik harmlos und selbstverständlich wirkt. Er leistete einen Beitrag zur Akzeptanz – das erfüllt mich mit Stolz», hält Heinz Gerber fest. Der Film stiess auf grosse Beachtung und wurde in einem Zürcher Kino sowie an diversen Festivals gezeigt – unter anderem am Eurofilmfestival in Zug. 
Einen Plot entwickeln, ein Drehbuch schreiben, Drehorte suchen, die Darstellerinnen und Darsteller anleiten, Regie führen, schneiden und den Film vertonen – Heinz Gerber liebt jede Phase des Filmemachens. Während er am Anfang alle Tätigkeiten selbst­ständig ausführte, arbeitet er nun vermehrt mit Kollegen aus andern Filmclubs zusammen, die ihn etwa bei der Kamera­führung und dem Ton unterstützen, sodass er sich ganz auf die Regie und die Gesamtorganisation konzentrieren kann. Das Medium Film ist für Heinz Gerber ein kreatives Ausdrucksmittel und gibt ihm die Möglichkeit, Ideen zu realisieren, Geschichten zu erzählen und sich in visueller Form auszudrücken. In all seinen Filmen stehen stets die Menschen, ihre Gefühle und Handlungen im Mittelpunkt – egal, welchem Genre sie zuzuordnen sind. «Vielleicht gefallen mir deshalb die grossen Holly­wood-Produktionen und Mainstream-­Filme weniger, die vor allem auf 
Action und viel Tempo setzen. Mir sind Regisseure wie der Genfer Alain Tanner (1929–2022) und der Deutsche Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) viel lieber als die Architekten des zeitgenössischen Blockbuster-Kinos.»
Ältere Filme von Heinz Gerber lassen sich kostenlos auf YouTube anschauen. Lieber führt er seine Produktionen allerdings vor Publikum vor. «Ich drehe meine Filme nicht für die Schublade, sondern will sie zeigen und schätze den Austausch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern sehr.»

Text: Markus Hofer
Bild: zvg


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