Vortrag «Globale Ernährungssicherheit und Digitalisierungswahn»

  11.02.2026 Kirchberg

Martin Reber, Lehrer und Berater am INFORAMA, begrüsste das zahlreich erschienene Publikum im Saalbau Kirchberg zum Vortrag «Globale Ernährungssicherheit und Digitalisierungswahn» von Michael Horsch. Anschliessend stellte Ruedi Fischer, Landwirt aus Bätterkinden und Grossrat, den Referenten aus Deutschland vor. Dessen Wurzeln liegen im Emmental, genauer gesagt in Niederösch, Gemeinde Ersigen. Einst bewirtschaftete die Familie Horsch dort einen Hof. Als Täufer sahen sie sich der Verfolgung durch die Obrigkeit ausgesetzt. Deshalb wanderten die Vorfahren von Michael Horsch im 17. Jahrhundert vom Emmental nach Süddeutschland aus. Ruedi Fischer bezeichnete den Unternehmer als wohl prominentesten Flüchtling aus der Schweiz. Im Vorfeld seines Auftritts besichtigte Michael Horsch, der in einer mennonitischen Glaubensgemeinschaft aufgewachsen ist, gemeinsam mit Ruedi Fischer seinen Herkunftsort in Niederösch – und betonte in seinen Ausführungen die Bedeutung des Täufertums für seine Familie, sein Leben und sein Unternehmen: «Wir sind demütig, pazifistisch, willensstark, verfügen über klare Prinzipien und zeichnen uns – zurückgehend auf die Zeit der Verfolgung – durch viel Innovationskraft und einen besonders starken Familienzusammenhalt aus. Dies bildete auch den Grundstein für die Entstehung unseres Unternehmens.»
Als ältester von fünf Brüdern absolvierte Michael Horsch eine landwirtschaftliche Ausbildung mit dem Ziel, einen eigenen Betrieb aufzubauen. Im Jahr 1980 reiste er in die USA und arbeitete auf verschiedenen Betrieben. Nach seiner Rückkehr auf den elterlichen Betrieb in Bayern entwickelte er eine Folienmaissämaschine und infolge der steinigen Böden, mit denen seine Familie zu kämpfen hatte, eine Direktsaatmaschine, die es ermöglichte, Saatgut unter Strohresten pfluglos abzulegen. In der Folge fokussierte er sich ganz auf Landtechnik. Aus diesen bescheidenen Anfängen entstand ein Unternehmen, das mittlerweile knapp 4000 Mitarbeitende beschäftigt und global in allen Ländern, in denen moderner Ackerbau betrieben wird, präsent ist. 

Multipolare Welt
In seinem Vortrag ging Michael Horsch auf verschiedene Themen ein – unter anderem auch auf die geopolitische Weltlage. Seiner Ansicht nach befinden wir uns in einem Übergangsprozess von einer unipolaren Weltordnung mit den USA als hegemoniale Macht hin zu einer multipolaren Ordnung mit mehreren starken Akteuren. Die Vereinigten Staaten sind hoch verschuldet und kein verlässlicher Handelspartner mehr. Für Europa – zu dem auch die Schweiz gehöre – gelte es, die Konsequenzen zu ziehen, sich aus der Abhängigkeit von den USA zu lösen, mit geeinter Stimme zu sprechen und einen eigenen starken Block zu bilden. Am Weltwirtschaftsforum in Davos habe unter anderem US-Präsident Donald Trump viel Unsinn erzählt – der kanadische Premierminister Mark Carney dagegen hielt mit seinem Plädoyer, neue Allianzen aufzubauen und sich nicht den Grossmächten unterzuordnen, eine Jahrhundertrede. Die EU muss gemäss Horsch dringend neue Partner finden – deshalb erachtet er das Zustandekommen des Freihandelsabkommens mit dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur als zentral für die Stärkung der europäischen Wirtschaft. Die Ängste der hiesigen Bauern vor billigen Mais- und Soja-Exporten aus den südamerikanischen Staaten seien – anders als bei der Fleischproduktion – unbegründet, da dort die Landkosten und Pachtpreise in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen seien. Rechne man die Transportkosten für den Export hinzu, brauche man die Konkurrenz nicht zu fürchten. 

Digitalisierung und ihre Konsequenzen
Michael Horsch äusserte sich kritisch über die Macht der Tech-Konzerne wie Apple, Google und Microsoft, welche uns allen mit hohen Lizenzgebühren das Geld aus der Tasche ziehen, ohne echten Mehrwert zu bieten. Ihr Geschäftsgebaren erinnere ihn an eine moderne Form der Wegelagerei. Mit den Fortschritten im Bereich der Künstlichen Intelligenz stehe die Menschheit vor der grössten Umwälzung seit der industriellen Revolution. Sein Unternehmen setzt sich zum Ziel, mithilfe von KI neue, auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmte Software zu entwickeln, um auf diese Weise unabhängig von Tech-Firmen zu werden und die gigantischen IT-Ausgaben zu reduzieren. Gleichzeitig hat sein Unternehmen einen absoluten Einstellungsstopp verhängt, da durch künstliche Intelligenz in Zukunft ein grosser Teil der Arbeitsplätze vor den Bildschirmen wegfällt. Dadurch verändert sich die Gesellschaft fundamental: «Die hochbezahlten Jobs der Zukunft liegen in den Bereichen, welche nicht durch Maschinen und KI ausgeübt werden können. Während Millionen von Arbeitsplätzen in Büros und der Verwaltung gefährdet sind, werden künftig Mechaniker/innen, Elektriker/innen, Krankenpflegende und Landwirte – also Menschen, die mit Verstand und Händen arbeiten – am meisten verdienen.»
Zukunft hybride Landwirtschaft
In seinem Referat zeigte sich Michael Horsch überzeugt, dass die Zukunft der Landwirtschaft einem hybriden Anbaukonzept gehört, das die Vorteile der konventionellen und biologischen Landbaumethoden vereint, um Bodengesundheit und Nachhaltigkeit zu verbessern: «Wir müssen weg von der hohen Pestizidlast, dürfen aber nicht ideologische Landwirtschaft betreiben, um weiterhin relativ hohe Erträge zu erwirtschaften.» Horsch plädiert unter anderem für die Fokussierung auf humusbildende Prozesse sowie die Anwendung mikrobiologischer Erkenntnisse. Ein funktionierendes Mikrobiom spielt ihm zufolge eine Schlüsselrolle, um den Einsatz von Chemie zu reduzieren. Die Landwirte aus Brasilien seien in diesem Bereich führend. Mit dem gezielten Säen von Zwischenfruchtpflanzen wird dort versucht, das durch Monokulturen zerstörte Mikrobiom wieder aufzubauen. Zudem werden in eigenen Laboren Bakterien und Enzyme produziert, mit denen auf den Feldern ein latenter Schutz gegen Phatogene erzeugt wird. Erst dann wird, falls notwendig, Chemie eingesetzt. 

Leidenschaft für die Landwirtschaft
Michael Horsch schloss seine Ausführungen mit einer Anekdote über einen befreundeten Bergbauer in Tirol. Bei der Analyse der Kennzahlen von dessen Betrieb habe sich herausgestellt, dass er als LKW-Fahrer weit mehr verdienen würde als durch die Landwirtschaft. Darauf habe dieser mit einem souveränen Lächeln entgegnet: Er sei sein eigener Chef, könne machen, was er wolle, geniesse die Freiheit, habe eine tolle Familie und lebe an einem wunderschönen Ort. «Das ist das Geschenk, das einem als Landwirt zuteil wird.» Mit diesen Worten beendete Michael Horsch seine Ausführungen. Mit einem tosenden Applaus wurde er vom Publikum verabschiedet. 
Nach abschliessenden Worten durch Beat Gerber, Präsident Landwirtschaft Emmental, tauschten sich die Anwesenden bei einem Apéro aus.

Text und Bild: Markus Hofer


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