Betreuung in der Zweitfamilie als zunehmend beliebte Lösung
25.08.2012 Aktuell, Region, Jugend, Bildung / SchuleMit Kind weiterhin beruflich tätig zu bleiben, ist in der Schweiz nach wie vor schwierig. Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern ist beispielsweise das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen hierzulande unterdurchschnittlich. Heute ist man sich jedoch über die parteipolitischen Grenzen hinaus einig: Ein ausreichendes Betreuungsangebot bildet einen zentralen Faktor bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und ist daher ein gewichtiges gleichstellungspolitisches Postulat. Auch der volkswirtschaftliche Nutzen solcher Angebote ist inzwischen erkannt. So wird die Kinderbetreuung auch in der Schweiz zunehmend zum politischen Schlüsselthema.
Zunahme familienergänzender Kinder-betreuungsangebote
Gemäss dem Bundesamt für Statistik BFS nahmen im Jahr 2009 38 Prozent der Paarhaushalte und 54 Prozent der Alleinerziehenden mit Kindern unter 15 Jahren Kinderbetreuung in Anspruch. Nach wie vor werden die Kinder am häufigsten durch Verwandte wie die Grosseltern betreut. Doch auch die Nutzung familienergänzender Kinderbetreuungsangebote hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Wie hoch die Nachfrage nach Betreuungsplätzen ausserhalb der Familie ist, belegen die langen Wartelisten vieler Krippeneinrichtungen. Wie die im Rahmen des Projekts des NFP 60 «Familienergänzenden Kinderbetreuung und Gleichstellung» verfassten Studien aufzeigen, hat aktuell in vielen – mehrheitlich urbanen – Gemeinden jedoch höchstens jedes 20. Kind einen Vollzeitplatz zur Verfügung.
Tagesmütter und Tagesfamilien
Familienexterne Kinderbetreuung ist keine neuzeitliche Erscheinung. Das Bedürfnis besteht schon lange – nur die Möglichkeiten und das Angebot haben sich verändert. Eine flexible Alternative zu Krippen und Horten bietet beispielsweise das Modell der Betreuung durch Tageseltern. Im Kanton Bern wurden im gesamten Jahr 2011 über die 32 Vereine, die dem Verband Bernischer Tageseltern angehören, 3685 Tageskinder in 1411 Tagesfamilien betreut. Insgesamt wurden 1 477 500 Betreuungsstunden geleistet.
«Die Tagesfamilienlösung ist besonders in ländlicheren Regionen oder bei Eltern, die unregelmässig arbeiten, eine beliebte Betreuungslösung», so Hedi Flückiger, Vermittlerin und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Tageselternvereins (TEV) Mittleres Emmental. Der Verein setzt sich für die familienergänzende Kinderbetreuung in den Gemeinden Affoltern i.E., Grünenmatt, Hasle b. B., Lützelflüh, Rüegsau, Sumiswald, Wasen i.E., Trachselwald und Heimisbach ein und beschäftigte im Jahr 2011 in allen neun Gemeinden 44 Tagesfamilien. Während des 20-jährigen Bestehens des Vereins hat sich dieser in eine Institution umgewandelt. Der TEV ist Bestandteil der sozialen Dienstleitungen der angeschlossenen Gemeinden und ist dem Fachverband der Schweizerischen Tagesfamilien und dem Verband Bernische Tageselternvereine angeschlossen.
«Unser Angebot richtet sich an Familien, welche aus unterschiedlichen Gründen kurz-, mittel- und/oder langfristig eine ergänzende Betreuung für ihre Kinder wünschen oder benötigen. Diese sollen individuell nach ihren Bedürfnissen in ihrem gewohnten Umfeld optimal betreut werden», so Flückiger. Die ausgebildeten Vermittlerinnen des TEV Mittleres Emmental suchen gemeinsam mit den Eltern einen geeigneten Betreuungsplatz und beraten die Tageseltern beim Entscheid, ein Kind in die Familie aufzunehmen. «Das Suchen und Finden von geeigneten Tagesplätzen ist eine sehr anspruchsvolle und zeitaufwendige Aufgabe. Unsere Tagesfamilien werden sorgfältig ausgewählt, sind erziehungserfahren und werden von uns fachlich begleitet», führt Flückiger aus.
Wachsende Nachfrage
In ihrer langjährigen Tätigkeit als Mediatorin zwischen abgebenden und aufnehmenden Familien erfahre sie fast täglich, wie viele Eltern auf Betreuungsplätze angewiesen sind. «Obwohl wir unser Angebot stetig ausbauen, gibt es kantonsweit zu wenige Tagesmütter, um die Nachfrage zu decken.» Der Kanton billigt jedem Verein nach seinen Bedürfnissen und Einschätzungen für 1 Jahr zum Voraus Betreuungsstunden zu. Für das Jahr 2012 bekam der Tageselternverein Mittleres Emmental 31 000 Stunden bewilligt, kann die Nachfrage nicht voll befriedigt werden, gibt es eine Warteliste. Das war für den Tageselternverein Mittleres Emmental im Jahr 2008 der Fall, 18 000 bewilligte Stunden reichten nicht aus. «Die Verhandlungen für die Stundenkontingente sind ein Dauerthema», gesteht Flückiger. Für das Jahr 2011 verzeichnet der TEV Mittleres Emmental 25 498 Betreuungsstunden für 78 Tageskinder. Der Verein ist fortwährend auf der Suche nach geeigneten Tageseltern. Es müssen nicht effektiv Eltern sein. Auch Mütter jeden Alters und jugendliche Grosis seien willkommen. Von ihnen werden Freude am Umgang mit Kindern, Verständnis, Geduld, Toleranz und Einfühlungsvermögen erwartet. Die Tageseltern müssen bereit sein, ein fremdes Kind in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, genügend Platz und Zeit haben. Sie werden pro Stunde und Kind mit 5.50 und 6.00 Franken plus Essenskosten entschädigt. Die Betreuenden verpflichten sich den Grundkurs Tageskinderbetreuung und den Nothelferkurs zu absolvieren. Jährlich bietet der Verein den Tageseltern Weiterbildungen zu aktuellen Themen rund um die Tagesbetreuung an, um sich gezielt weiterbilden zu können. Auch die Betreuungsverhältnisse werden von Vermittlerinnen und Betreuerinnen begleitet. Ziel sei es, die Qualität und Professionalität der Tagesfamilien stetig zu steigern, so Flückiger. Ausserdem regle der TEV alle administrativen, finanziellen und rechtlichen Fragen und sorgt für die Einhaltung der Bestimmungen der Pflegekinderverordnung. Je nach Einkommen zahlen die Eltern pro Stunde zwischen 72 Rappen und 8.87 Franken. Ideal ist, wenn die Kinder mindestens einen halben Tag pro Woche bei den Tageseltern sind, so kann dieses System den Tageskindern einen familiäreren Rahmen mit dem nötigen Vertrauen schaffen.
Mit verschiedenen Aktivitäten feiert der TEV Mittleres Emmental in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. So ist er am Wochenende vom 24. bis zum 26. August mit einem Stand auch an der Jubiläumsausstellung des Gewerbevereins Hasle-Rüegsau anzutreffen.
Weitere Informationen an der Gewerbeausstellung Hasle-Rüegsau – Stand Nr. 4 und unter www.tev-mittleres-emmental.ch.
Nadine Wiggenhauser

