Der Wald tut den Kindern in vieler Hinsicht gut

  07.02.2017 Aktuell, Utzenstorf, Bildung / Schule, Gesellschaft, Jugend, Region, Vereine

Zwar sind die Temperaturen nicht mehr unter Null, doch am Waldrand ist es kalt, nass und «pflotschig», wo sich elf Kinder zwischen drei und vier Jahren, ihre Mütter und die beiden Waldspielgruppen-Frauen treffen. Den Kindern allerdings scheint das Wetter nichts auszumachen: Fröhlich erzählen sie, dass sie nicht nur eine Cervelat, sondern auch noch ein Sandwich und einen Apfel dabei haben. Sie springen umher, sie sammeln Steinchen und sie singen beim Anfangslied mit, so gut sie können. Wenig später verabschieden sich die Kinder und gehen den gewohnten Weg entlang des Waldrands zur Bank, wo Spielgruppenleiterin Petra Kindler die Geschichte von der grossen und der kleinen Gans erzählt. Nachher geht es weiter – bis zu den grossen Baumstämmen, wo der Weg mitten in den Wald hineinführt. Hier muss die Gruppe einen ersten grösseren Halt einlegen – nicht etwa,
weil die Kinder nicht mehr gehen mögen, sondern weil sie unbedingt
auf den Stämmen herumkraxeln wollen.

«Der Wald erdet»
«Das Schöne am Wald ist, dass die Kinder nicht nur die Jahreszeiten hautnah erleben, sondern auch körperlich und geistig viel profitieren können», meint Petra Kindler, die seit rund 20 Jahren Spielgruppen drinnen und draussen leitet. «So verfeinern sie hier beim Herumklettern und Balancieren auf den Baumstämmen ihre Grobmotorik und ihre Koordination auf spielerische Weise.» Auch das Gehen über den Naturboden fördere die kindliche Entwicklung: «Die Unebenheiten auf den Wegen und beim Waldplatz, die Steine, die Wurzeln, die Schermaus-Haufen, die Tannzapfen ‹erden› die Kinder. Sie zwingen sie quasi dazu, mit den Füssen richtig aufzutreten, wenn sie nicht umfallen wollen.» Dies sei sehr wichtig, weil Kinder bis ungefähr zu ihrem sechsten Geburtstag vom Zehengang zu einem normalen Gang mit Abrollbewegung übergegangen sein sollten.
Da die Kinder während zweieinhalb Stunden fern von Radio, Fernsehen, Handys, Computern, aber auch von Spielsachen seien, könnten sie sich von der alltäglichen Dauerberieselung, der man kaum entgehen könne, ein wenig erholen, meint die erfahrene Spielgruppenleiterin: «Die verschiedenen Geräusche im Wald, die man im Alltag überhört oder nicht beachtet, tun den Kindern in vieler Hinsicht gut.»

Würste werden Krokodile, Lastwagen und Prinzessinnen
Mittlerweile ist die Gruppe beim Waldplatz angekommen, die Kinder legen ihre Rücksäcke auf das Waldsofa, bringen ihre Würste, die sich in Krokodile, Lastwagen, Pferde, Prinzessinnen und Piratenboote verwandeln, bevor sie übers Feuer kommen, und im Nu verteilen sich alle in Sichtweite. Während die einen im aus Ästen und Zweigen gebauten Piratenboot gegen die «Rotröcke» kämpfen, fahren andere auf dem in ein Motorrad umfunktionierten Wurzelstock nach Afrika. Wieder andere kehren mit Schaufeln die heruntergefallenen Tannzapfen zusammen und machen einen grossen «Komposthaufen» damit. Auf den beiden Schaukeln, die aus Seilen und Gummibananen konstruiert sind, drehen sich zwei Kinder ein und aus. Offensichtlich ist das eine ganz lustige Sache, denn die Kinder lachen und jauchzen vor Freude.

Bewusst keine Animation
«Wir bieten den Kindern im Wald ganz bewusst keine Animation und nur ein Minimum an Hilfsmitteln an», erklärt Petra Kindler. «Dadurch fördern wir ihre Fantasie und Kreativität, die unendlich wichtig sind, damit sie später Empathie entwickeln können.» Für manche Kinder sei es zu Beginn relativ schwierig, sich daran zu gewöhnen, dass kaum etwas vorgegeben sei: «Denn bevor die guten Ideen kommen, müssen die Kinder durch die Lange­weile-Phase hindurch, was gerade bei animierten Kindern mit viel Frust verbunden ist – Frust, den auszuhalten und umzuwandeln sie nicht gelernt haben.» Bis vor dem Winter hätten die Kinder aber normalerweise gelernt, sich selber zu beschäftigen: «Das ist gerade bei tiefen Temperaturen sehr wichtig, denn die Kinder müssen sich, auch wenn sie warm angezogen sind, bewegen, um nicht kalt zu bekommen.»

Vor dem Heimweg wird das Feuer gelöscht
Der Grillrost über der Feuerstelle ist wieder leer – die Würste, Raclettebrote und Apfelringe sind längst gegessen –,
die Rucksäcke sind wieder auf dem Rücken. Bevor die Gruppe sich auf den Rückweg macht, müssen die Kinder das Feuer löschen. Manche Kinder trinken zuerst noch einen Schluck aus der 1,5-Liter-Flasche, bevor sie das Wasser über die Restglut schütten, andere lassen sich von den Kameraden beim Halten helfen.

Jedem Kind sein Tempo
«Die Sozialkompetenz ist bei den Kindern der Waldspielgruppe deutlich höher», erklärt Petra Kindler. «Im Wald sind die Kinder bei vielen
Dingen aufeinander angewiesen, sie haben beispielsweise nicht genügend Kraft, um schwere Äste alleine herumzuschleppen. Also müssen sie sich bei den anderen Hilfe holen.» Interessant sei auch, dass eher stille Kinder im Wald eher bereit seien, sich zu öffnen und dass wilde Kinder eher ruhiger würden: «Und dadurch, dass hier so wenig vorgegeben ist, kann jedes Kind sein eigenes Tempo wählen. Und das wiederum ist ganz wichtig, damit die Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln können…»

Andrea Flückiger


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote