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Völlig frei ohne Gesetze und Realitäten

| Di, 11. Jun. 2019

BURGDORF: Architekturstudierende der BFH Burgdorf befassen sich seit 2019 mit Zukunftsperspektiven der Stadt Burgdorf. Führung durch die Ausstellung der Projektarbeiten am 17. Juni 2019, 18.30 Uhr, im BFH Burgdorf. zvg

Während früher die Studierenden der Fakultät Architektur an der Berner Fachhochschule (BFH, ehemaliges Tech Burgdorf) ihre Entwürfe nach theoretischen Vorgaben ausgerichtet haben, arbeiten sie im Hinblick auf ihren Bachelor oder Master heute völlig anders.

Keine Grenzen
Für die Entwicklung eines Siedlungsrichtplanes «Vision Burgdorf 2035», an dem sich ab 2020 auch die Einwohner der Emmestadt beteiligen können, sind ihnen keine Grenzen gesetzt. Während offizielle Stellen auf bestehende Gebäude, Bauvorgaben, Liegenschaftsverhältnisse und vieles mehr Rücksicht nehmen müssen, können die Studierenden ihren Ideen und Visionen bezüglich der Stadtentwicklung freien Lauf lassen.
Burgdorfs Stadtpräsident Stefan Berger teilt an der Medienorientierung mit, dass «die Neubauwohnungen in Burgdorf vom Markt aufgenommen werden». So beträgt der hiesige Leerstand im Vergleich zu ähnlichen Städten resp. der Schweiz einen rekordverdächtigen Tiefstand von 1,3 bis 1,5 Prozent (Huttwil weist 14,6 Prozent aus), weshalb die Bautätigkeit unvermindert anhält. «Kleinstädte können künftig noch mehr Zentrumsfunktionen wahrnehmen», fährt Berger fort. «Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist bei uns ausgezeichnet, was jedoch sowohl Fluch als auch Segen bedeuten kann. Bern ist in 14 Minuten erreichbar, die Stadt bzw. Einkaufszentren wie die Meile Lyssach oder das Shoppyland in Schönbühl locken Burgdorfer Kunden.»

Burgdorf noch attraktiver machen
Trotzdem sei das urbane Burgdorf ohne «Grossstadtmief» als Bildungszentrum mit Tradition sehr attraktiv; von der Kita über das Gymnasium bis zur BFH ist alles vor Ort. Der Stadtpräsident erwähnt die grosse Quartiervielfalt in der Fussgänger- und Velostadt und die spürbare Entwicklungsdynamik, die von den Behörden gezielt gefördert wird. Wohn- und Arbeitsort fliessen ineinander, Burgdorf bietet 13 000 Arbeitsplätze.
«Burgdorf hat noch enormes Entwicklungspotenzial, wobei die Siedlungsentwicklung nach innen gerichtet werden muss.» Der Stadtpräsident sieht eine künftige Einwohnerzahl von rund 18 500 Personen. In Burgdorf sind zahlreiche zukunftsweisende Projekte wie die Begegnungszone entstanden. Als «Leuchttür­me» nennt Berger die Umnutzung des Schlosses, die Sanierung des Casinos, das Franz Gertsch Museum, die Kulturhalle usw., was auch Signalwirkung auf umliegende Gemeinden hat.
Er begrüsst ausdrücklich die angelaufene Zusammenarbeit mit den verschiedenen Studiengängen der BFH Fakultät Architektur, was zur «Aussenansicht der bestehenden Fragen und Aufgaben führt und in den Siedlungsrichtplan Vision Burgdorf 2035 einfliessen soll. Unterschiedliche Perspektiven auf städtebauliche und stadträumliche Themen sind wertvoll und dienen als Grundlage für den öffentlichen, politischen und planerischen Diskurs», erläutert Berger.

Alles andenken
Laut Rudolf Holzer, Leiter der Baudirektion, beschäftigt sich die Stadtverwaltung seit über fünf Jahren mit den Fragestellungen: «Demnächst können diverse Überbauungsordnungen verabschiedet werden und die Bagger auffahren.» Seit Längerem «werden baufähige Areale als ZPP (Zone mit Planungspflicht) ausgeschieden und erhalten bis zur Baureife gut identifizierte, passende rechtliche Rahmenbedingungen». Auch er sieht für oder in Burgdorf primär eine Verdichtung nach innen und die Nutzung von Freiräumen, Grünflächen oder vom Emme-Ufer. Gleichzeitig betont Holzer, dass Parks keinesfalls verbaut werden und Freiflächen für die Bevölkerung immer vorhanden bleiben müssen.

Für digitale Nomaden
Als zentrale Themen für die Entwicklung der Stadt haben die Behörden zusammen mit Dozierenden und Mitarbeitenden des Fachbereiches Architektur der BFH folgende Erkenntnisse festgehalten:
Die Devise der Zukunft lautet «Nutzen statt besitzen», was heute in zahlreichen anderen Bereichen des Alltags praktiziert wird, wie beim Car-Sharing, Maschinen-Sharing usw. In Burgdorf sollte man künftig viele Dinge teilen, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im Gewerbe und in der Industrie.
Weiter soll die Identität der Quartiere und deren Verbindungen für Fussgänger und Velos funktional gestärkt werden. In Industriegebieten orten die Verantwortlichen grosses Entwicklungspotenzial. Vielfach ungenützte Flächen und kaum gestaltete Freiräume ermöglichen eine erhöhte Nutzungsvielfalt inkl. zusätzlicher Aktivitäten.
Schon jetzt haben die Studierenden vielfältige Nutzungsmöglichkeiten entlang der Emme entwickelt. Einerseits kann der Naherholungsraum aufgewertet und stärker genutzt werden, andererseits sieht ein Projektvorschlag «Minimal Houses» mit ca. 35 m² Fläche für temporär in Burgdorf tätige Menschen vor, die für wenige Wochen oder Monate kleinen, aufs Minimum begrenzten Wohnraum benötigen. «Auch digitale Nomaden wollen für ihre kurze Zeit in Burgdorf ein wenig Privatsphäre, wofür das Emme-Ufer ideal wäre.»

Angewandte Forschung
Laut Urs Heimberg, BFH-Leiter Fachbereich Architektur, kommt die jetzt praktizierte angewandte Forschung «Stadtentwicklung aus der Sicht von Architekturstudierenden» bei den jungen Frauen und Männern in den Bachelor- und Master-Klassen bestens an. Seit Februar 2019 arbeiten sie in sogenannten Entwurfsateliers an ihren Projekten, die an einem konkreten Ort in Burgdorf angesiedelt und mit der gestellten Aufgabe auf den entsprechenden Studienverlauf zugeschnitten sind. Die Projekte tragen zukunftsweisende Namen wie «Down by the Riverside», «Genossenschaft Hunyadi», «Burgdorf-Connected», «Bauten für den Wavepark», «Stadt am Wasser», «Factory Hub», «Vertikal: Betonsilos und Holztürme» und «Buchmatt: Gestapeltes Gewerbe». Diese ausgewählten Orte stehen exemplarisch für Fragestellungen der Stadtentwicklung.
Sämtliche Redner betonen, dass die jeweiligen Liegenschaftsbesitzer von Anfang an in die später anlaufende reale Entwicklung mit einbezogen werden.
Christine Seidler, Co-Leiterin Kompetenzbereich, erinnert daran, dass bei der Vision 2035 die Änderungen bei den demografischen Strukturen und Arbeitswelten berücksichtigt werden müssen. Siedlungsgebiete werden verdichtet, Bevölkerungsteile wandern in grosse Zentren ab. Das bedeute eine riesige Herausforderung für Städte, die entsprechend ihr vorhandenes Potenzial voll ausschöpfen und sich weiterentwickeln müssen. Wichtig sei vor allem der permanente Dialog mit der Bevölkerung.

Gerti Binz

Führung durch die Ausstellung der Projektarbeiten am 17. Juni 2019, 18.30 Uhr, BFH, Pestalozzistr. 20, Gebäude B, Burgdorf. Infos www.bfh.ch/ahb/burgdorf2035.

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