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«Der qualitative Lehrermangel ist eine grosse Herausforderung»

| Do, 22. Aug. 2019

REGION: Anlässlich des Schulstarts unterhielt sich «D’REGION» mit Pino Mangiarratti, Präsident Bildung Bern. red

In der vergangenen Woche begann für zahlreiche Kinder im Kanton Bern das neue Schuljahr. Die Zeitung «D’REGION» nahm den Schulstart zum Anlass, um sich mit Pino Mangiarratti, Präsident des Berufsverbands Bildung Bern, zu unterhalten. Der in Burgdorf lebende Mangiarratti unterrichtet seit 1996 Italienisch und Französisch am Gymnasium in der Zähringerstadt. Er ist verheiratet und Vater von fünf Kindern, die allesamt im schulpflichtigen Alter sind. Pino Mangiarratti begann sich früh für Bildungspolitik zu interessieren und präsidierte rund zehn Jahre lang die Sektion Emmental von Bildung Bern. Seit 2017 steht er an der Spitze des kantonalen Berufsverbands, der über 10 000 Mitglieder zählt und die Interessen von Lehrpersonen, Schulleitungen und pädagogisch ausgebildeten Bildungsfachleuten vertritt. Seine Tätigkeit für Bildung Bern übt er im Rahmen einer 25%-Stelle aus.

«D’REGION»: Vor Kurzem begann für zahlreiche Schülerinnen und Schüler ein neues Schuljahr und somit ein neues Kapitel in ihrem Leben. Ist der erste Schultag nach den Sommerferien für Sie als erfahrener Lehrer noch etwas Besonderes?
Pino Mangiarratti: Der Schulstart ist für mich – trotz einer gewissen Routine – nach wie vor etwas Spezielles und mit einem besonderen Kribbeln verbunden. Als Lehrer einer neuen, bunt zusammengewürfelten Klasse ist es äusserst spannend, die verschiedenen Persönlichkeiten kennenzulernen. Selbstverständlich freue ich mich auch immer wieder auf meine bisherigen Schüler/innen. Fünf Wochen Sommerferien sind für Jugendliche eine lange Zeit, in der sich vieles ereignen und verändern kann. Ich bin auf ihre Erzählungen jeweils sehr gespannt.

«D’REGION»: Im Kanton Bern herrscht Lehrermangel. Ist es rechtzeitig gelungen, die offenen Stellen alle zu besetzen?
Pino Mangiarratti: Alle freien Stellen an den bernischen Schulen konnten besetzt werden. Dennoch stellt der qualitative Lehrermangel eine grosse Herausforderung für unser Bildungssystem dar. Viele Schulen bekunden grosse Mühe, geeignetes Fachpersonal zu finden. Betroffen sind nicht nur ländliche Gebiete wie der Oberaargau und das Emmental, sondern zunehmend auch die Agglomerationen. Die Schulleitungen sehen sich bei einer Vakanz oftmals mit einem schwierigen Dilemma konfrontiert: Einerseits sind sie verpflichtet, für einen regulären Schulbetrieb zu sorgen, andererseits stehen ihnen aber keine passenden Bewerber/innen zur Verfügung. Aus diesem Grund werden ausgeschriebene Stellen teilweise mit nicht stufengerecht ausgebildeten Lehrkräften oder mit Personen ohne jegliche pädagogische Ausbildung besetzt. Letzteres ist äusserst bedenklich und für die Professionalität und Qualität der Schule höchst problematisch. Stellen Sie sich vor, in einem Spital übernähme eine Person ohne medizinische Ausbildung Ihre Behandlung!

«D’REGION»: Die Politik versucht den Lehrermangel mit verschiedenen Massnahmen zu bekämpfen – etwa mit der Rekrutierung von Studierenden und bereits pensionierten Lehrpersonen. Erachten Sie diese Massnahmen als zielführend?
Pino Mangiarratti: Dies sind kurzfris­tige Notmassnahmen, um die gegenwärtige Situation zu entschärfen. Wir benötigen aber eine langfristige Strategie zur Lösung des Problems. Ich bin mir bewusst, dass kein einfaches Patentrezept existiert. Als Präsident von Bildung Bern setze ich mich dafür ein, dass die Qualität des Unterrichts gewährleistet bleibt. Zu diesem Zweck müssen die Rahmenbedingungen für ausgebildete Lehrpersonen im Kanton Bern verbessert werden. Dies hängt natürlich auch mit dem Lohn zusammen. Insbesondere die Gehälter der Primarlehrpersonen müssen dringend angehoben werden, damit der Kanton als Arbeitgeber im interkantonalen Vergleich konkurrenzfähig wird und um den Beruf attraktiver zu gestalten. Im benachbarten Kanton Solothurn beispielsweise verdienen Lehrpersonen wesentlich mehr. Der Grosse Rat steht in der Pflicht, ein entschlossenes Zeichen zu setzen. Um der Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer stärker Sorge zu tragen, müssen  die Betreuungsverhältnisse verbessert und Entlas­tungsmassnahmen getroffen werden.
 
«D’REGION»: Die Digitalisierung in den Klassenzimmern ist gegenwärtig ein grosses Thema. Befindet sich die Volksschule auf einem guten Weg, um die Schülerinnen und Schüler für die kommenden technologischen Umwälzungen fit zu machen?
Pino Mangiarratti: Ich bin zuversichtlich. Die Kinder und Jugendlichen wachsen heute mit Smartphones, Apps und Social Media auf. Die Hauptaufgabe besteht darin, ihnen einen sinnvollen und verantwortungsbewussten Umgang mit den technischen Geräten und den neuen Medien zu vermitteln. Unzählige Informationen, die qualitativ äusserst unterschiedlich sind, lassen sich online mit wenigen Klicks abrufen. Eine kompetente Mediennutzung ermöglicht es, Inhalte kritisch zu reflektieren und ihren Wert zu beurteilen. Wichtig ist, dass nicht nur in Hardware und Software investiert wird, sondern auch in die Ausbildung der Lehrkräfte. Meines Erachtens gilt es zudem, Augenmass zu bewahren und den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Es macht sicherlich keinen Sinn, die Schülerinnen und Schüler nur noch mit Computer und Tablets arbeiten zu lassen. Wissenschaftliche Studien belegen etwa, dass die Schreibarbeit von Hand eminent wichtig für die Entwicklung des menschlichen Gehirns ist.

«D’REGION»: In Japans Schulen werden zunehmend Roboter im Unterricht eingesetzt…
Pino Mangiarratti: Ein Roboter kann Automatismen ausführen, aber keine emotionale Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern knüpfen. Gefühle spielen aber beim Lernprozess eine wichtige Rolle. Lehrerinnen und Lehrer sind mehr als reine Wissensvermittler. Die Lehrperson fungiert als Begleiterin, Coach und Ansprechperson. In Zusammenarbeit mit den Eltern vermittelt sie auch moralisch-ethische Werte. Mit der fortschreitenden Digitalisierung gewinnt die Rolle des Lehrers und der Lehrerin weiter an Wichtigkeit. Deshalb mache ich mir keine Sorgen, dass Roboter eines Tages die Pädagogen ersetzen.

«D’REGION»: 2018 begann im Kanton Bern die stufenweise Umsetzung des Lehrplans 21. Können Sie die wesentlichen Neuerungen kurz beschreiben? Wie sind die bisherigen Praxiserfahrungen ausgefallen?
Pino Mangiarratti: Der Lehrplan 21 stärkt vor allem die Fächer Deutsch und Mathematik. Infolge der Erhöhung der Lektionenzahl wird im Gegenzug die Hausaufgabenzeit verkürzt. Hausaufgaben beziehungsweise selbstständiges Lernen sind vermehrt Bestandteile des Schulunterrichts. Zudem verändern sich die Beurteilungsformen: Entwicklungsprozesse und Fortschritte, welche die Schülerin beziehungsweise der Schüler durchläuft, werden stärker gewichtet. In der Praxis sind bei der Umsetzung bisher keine grossen Stolpersteine aufgetreten.
 
«D’REGION»: Beim Lehrplan 21 steht nicht mehr der Erwerb von klassischem Schulstoff im Zentrum, sondern die Aneignung von Kompetenzen. Kritiker monieren, dass dadurch das Wissen an Bedeutung verliert und Bildungsinhalte beliebig werden.

Pino Mangiarratti: Der Erwerb von Kompetenzen kann nicht losgelöst von der Wissensvermittlung erfolgen. Beides gehört untrennbar zusammen. Allerdings hat sich der Fokus leicht verschoben. Als Lehrer überlege ich mir zunächst, welche Kompetenzen ich den Kindern und Jugendlichen vermitteln will. Dann fülle ich die Unterrichtssequenz mit Inhalten. Da Daten und Fakten heute jederzeit abrufbar sind, muss die Lehrperson Inhalte so aufbereiten, dass die Schülerinnen und Schüler davon profitieren können.

«D’REGION»: Vor welchen Herausforderungen steht die kantonale Bildungspolitik in den nächsten Jahren?
Pino Mangiarratti: Im Fussball und im Eishockey steht Bern bereits an der Spitze. Um auch im Bildungsbereich in der obersten Liga mitzuspielen, muss der Kanton die Lehrerinnen und Lehrer und ihre Anliegen unterstützen. Ein motiviertes, gesundes und gut ausgebildetes Team ist der Schlüssel zum Erfolg.

Markus Hofer

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