ADHS im Erwachsenenalter – abgelenkt und hektisch

  11.02.2026 Burgdorf, Burgdorf, Gesellschaft

ADHS – Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung –beginnt im Kindesalter und bleibt oft bis ins Erwachsenenalter unerkannt, mit Folgen für Alltag, Beruf und Beziehungen. Dr. med. Markus Guzek, Chefarzt Alterspsychiatrie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, leitet die ADHS-Sprechstunde im Spital Emmental. Er erklärt in seinem Vortrag, weshalb sich ADHS nicht «auswächst», wie sich Symptome wie Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, innere Unruhe, Impulsivität oder emotionale Sensibilität im Lebensverlauf verändern und warum dies häufig zu Fehldeutungen führt. Zudem zeigt er auf, welche Stärken hinter den Herausforderungen liegen können.
Die Teilnehmenden erhalten einen kompakten Überblick über Erscheinungsformen, Diagnostik, Ursachen und aktuelle Behandlungsansätze von ADHS im Erwachsenenalter sowie über häufige Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch.

«D’REGION»: Dr. Guzek, viele Menschen verbinden ADHS immer noch mit unruhigen Kindern. Warum wird ADHS im Erwachsenenalter so häufig übersehen oder unterschätzt?
Markus Guzek: Im Erwachsenenalter wird ADHS erfreulicherweise immer seltener übersehen, aber das ist eigentlich schon spät. Die Gründe für die späte Diagnose sind vielfältig: ADHS wird teils übersehen, weil niemand genau hinschaut; häufig bleiben schulische Leistungen ausreichend, sodass trotz typischer Schwierigkeiten in anderen Bereichen kein Problem erkannt wird. Zudem kann sich ADHS sehr unterschiedlich äussern. Es gibt verschiedene Untertypen, auch solche ohne motorische Unruhe, die viele noch immer als wichtigstes Merkmal ansehen. Gerade Mädchen sind häufiger ruhig und zurückgezogen – wer nicht stört, fällt nicht auf. Hinzu kommen Erwachsene, bei denen ADHS in der Kindheit zwar aufgefallen ist, aber ohne Konsequenzen blieb, weil man annahm, die Störung resp. das Defizit wachse sich aus oder sei eine Modediagnose. Die Folgen dieser fehlenden Behandlung sind oft gravierend und führen letztlich zur Abklärung im Erwachsenenalter.

«D’REGION»: Wie unterscheidet sich ADHS bei Erwachsenen und bei Kindern – und welche Symptome werden besonders oft fehlinterpretiert?
Markus Guzek: Die Kernsymptomatik von Aufmerksamkeitsstörungen, Impulsivitätsstörung und – wenn vorhanden – Hyperaktivität bleibt grundsätzlich bestehen, verändert sich jedoch auf vielfältige Weise. Dies hängt sowohl mit der ADHS selbst als auch mit der individuellen Entwicklung der betroffenen Person zusammen. Die körperliche Unruhe nimmt meist deutlich ab und wird zu einer inneren, von aussen kaum erkennbaren Unruhe. Die Betroffenen wirken ruhelos, teilweise hektisch und fühlen sich angespannt. Diese unspezifischen Symptome kommen auch bei anderen Störungen vor, was das Risiko einer Fehldiagnose erhöht.
Die Impulsivitätsstörung verändert sich weniger stark, aber sie verändert sich. Bei Kindern fällt sie im Schulalltag rasch auf und wird deutlich reglementiert. Erwachsene können Impulse zwar etwas besser kontrollieren, werden von ihrer Umgebung jedoch auch weniger eingeschränkt. Die veränderte Lebenssituation führt zudem zu neuen problematischen Folgen, etwa schnellen oder unüberlegten Entscheidungen – beim Einkaufen, in Beziehungen oder am Arbeitsplatz.
Aufmerksamkeitsstörungen bleiben am stabilsten bestehen, fallen bei Erwachsenen aber weniger auf, weil sie nicht mehr in der Schule sitzen, sondern idealerweise Tätigkeiten nachgehen, die sie interessieren. Die Bedeutung dieser Symptome nimmt daher oft ab, obwohl sich die ADHS nicht «auswächst» – leider eine lange verbreitete Annahme.
Zunehmend belastend werden hingegen Schwierigkeiten der Emotionskontrolle. Diese reichen von Stimmungsschwankungen bis zur deutlichen Unfähigkeit, unangenehme Aufgaben anzugehen. Ein zentraler Begriff ist hier die Prokrastination (extremes Aufschieben von Aufgaben).
Erschwerend für die Diagnose im Erwachsenenalter ist zudem, dass ADHS selten allein auftritt. Die Störung erhöht das Risiko für zahlreiche psychische und körperliche Erkrankungen erheblich. Mindestens die Hälfte der Betroffenen leidet an einer solchen Folgestörung, die teils schwerwiegender sein kann als die ADHS selbst und diese überlagert – oft wird ADHS erst erkannt, wenn die Behandlung der Folgestörung nicht vorangeht.

«D’REGION»: Welche Auswirkungen kann ADHS auf den Beruf, die Partnerschaft oder das Familienleben haben?
Markus Guzek: ADHS hat vor allem vielfältige Auswirkungen, also auch positive. Dies kann leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ADHS ein Risiko darstellt. Es ist wie mit allen Risiken: Nichts muss eintreten, aber die Wahrscheinlichkeit ist erhöht. Das Risiko, am Arbeitsplatz gekündigt zu werden, ist bis zu 60 Prozent höher als sonst. Das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch, ebenso die Scheidungsrate. Die Auswirkungen der Konflikte vor einer Trennung auf das familiäre System, speziell auf die Kinder, sind praktisch unbekannt. Wenn man berücksichtigt, dass auch strafbares Verhalten deutlich häufiger ist, ist es durchaus ein Grund zur Beunruhigung.

«D’REGION»: Oft heisst es, ADHS gehe mit besonderen Stärken einher. Welche Potenziale beobachten Sie bei Menschen mit ADHS?
Markus Guzek: Die Betroffenen sind kreativ, spontan, gefühlsbetont, risiko­bereit und können phasenweise viel Energie in bestimmte Unternehmungen investieren, wodurch sie zielstrebig und dann auch ausgesprochen erfolgreich sein können. Die Betroffenen sind in der Regel sehr kommunikativ, was in vielen Fällen durchaus ein Vorteil sein kann. Das wichtigste Potenzial aus meiner Sicht hat aber nicht direkt mit der ADHS zu tun, sondern eher mit ihren negativen Folgen. ADHS-Betroffene haben ein hohes Durchhaltevermögen: Nicht bei einzelnen Aufgaben oder Tätigkeiten (ganz im Gegenteil), sondern im Längsschnitt. Sie lernen oft ab der frühen Kindheit, trotz Misserfolgen und Schwierigkeiten, die andere Kinder nicht kennen, weiterzumachen. Sie lassen sich weniger entmutigen und stehen auch nach häufigeren Stürzen auf. Diese Kompetenz und dieses Potenzial bleiben auch dann erhalten, wenn die ADHS gut behandelt ist und die meisten Sachen plötzlich leichter fallen. Ich sehe in meiner täglichen praktischen Arbeit seit vielen Jahren, dass diese erworbene Kompetenz aus einem angeborenen Nachteil durchaus einen Vorteil machen kann.

«D’REGION»: Wie läuft die Diagnostik für Erwachsene ab und welche Hürden erleben Betroffene häufig auf dem Weg zur Abklärung?
Markus Guzek: Die erste Hürde ist genommen, sobald jemand überhaupt den Verdacht auf ADHS äussert – inzwischen oft die Betroffenen selbst. Bis dahin ist bei Erwachsenen jedoch bereits viel Zeit vergangen. Die nächs­te Hürde hat wiederum mit Zeit zu tun und verlangt etwas, das Betroffene selten haben: Geduld. Die Bekanntheit der ADHS nimmt zu, was erfreulich und wichtig ist, es führt jedoch dazu, dass die Kapazitäten der Abklärungsstellen zunehmend an ihre Grenzen stossen. Für eine sorgfältige Abklärung müssen auch wir Fachpersonen die nötige Zeit einplanen, die sich nicht verkürzen lässt, weil es mehr Anmeldungen gibt. Die Wartezeit, bis die Abklärung überhaupt beginnen kann, ist daher eine sehr belastende Hürde.
Der eigentliche Untersuchungsprozess ist dagegen harmlos und ohne Risiken. Wir benötigen viele Informationen aus verschiedenen Lebensbereichen, hauptsächlich aus Gesprächen mit den Betroffenen, die das Kernstück der Diagnostik bilden. Ergänzend kommen Fragebögen, bestimmte Testungen sowie gelegentlich Gespräche mit Angehörigen hinzu. Wenn alles unkompliziert verläuft, sind etwa drei bis vier Termine von 60 bis 90 Minuten nötig. Noch mehr Geduld braucht es dann, wenn andere Ursachen der Schwierigkeiten ausgeschlossen werden müssen – etwas, das mit zunehmendem Alter und bei bestehenden Folgestörungen immer häufiger nötig wird.

«D’REGION»: Welche Behandlungsansätze haben sich für Erwachsene bewährt?
Markus Guzek: ADHS ist eine der am besten behandelbaren psychischen Störungen. Zunächst ist wichtig zu verstehen, was ADHS ist und was nicht, um falsche Erwartungen und Enttäuschungen zu vermeiden. Ist die Diagnose korrekt gestellt, lassen sich die Symptome meist rasch und wirksam behandeln. Seit Jahrzehnten stehen etablierte und – wenn sie richtig eingesetzt werden – wirksame und sichere Medikamente zur Verfügung. Ist die passende Dosis gefunden, beginnt für die Betroffenen die eigentliche Arbeit: zur richtigen Zeit das umzusetzen, was bisher – so, wie es geschehen sollte – nicht möglich war.

«D’REGION»: Was wünschen Sie sich für die öffentliche Wahrnehmung von ADHS im Erwachsenenalter – und was möchten Sie den Besucherinnen und Besuchern Ihres Vortrags insbesondere mitgeben?
Markus Guzek: Ich wünsche mir etwas weniger Polarisierung. ADHS ist weder eine Modediagnose noch eine Erklärung für alles, was im Leben schlecht läuft, weil die «anderen» zu wenig Rücksicht nehmen. Ein Syndrom, das bestimmte Sachen im Leben der Betroffenen erklären kann, und/oder eine Störung, wenn sie wichtige Aspekte des Lebens stört und dann behandelt werden muss. Wichtig ist also, dass möglichst viele verstehen, was ADHS im Kern ist. Darum wird es in meinem Vortrag auch gehen. 

Text und Bild: zvg

Vortrag in Burgdorf: Donnerstag, 19. Februar 2026, 19.00 Uhr, im Kurslokal des Spitals Emmental (EG), Oberburgstrasse 54, Burgdorf. 
Vortrag in Langnau: Donnerstag, 26. Februar 2026, 19.00 Uhr, im Restaurant des Spitals Emmental, Dorfbergstrasse 10, Langnau.
Referent: Dr. med. Markus Guzek, Chefarzt Alterspsychiatrie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote