Ein Berg mit vielen An- und Aussichtspunkten
05.08.2026 Bätterkinden, Gesellschaft, Kultur, NaturDie Ursprünge von Gian-Reto Walthers Buch «Piz Languard – Geschichte und Geschichten» finden sich im Jahr 2003 in einem Forschungsprojekt zum Klimawandel. Daraus entwickelte sich über mehr als zwanzig Jahre ein spannendes Buchprojekt. Der Naturwissenschaftler trug während zwei Jahrzehnten historische Dokumente, Reiseberichte, Fotografien und Postkarten über den Piz Languard im Oberengadin zusammen. Es entstand ein stattliches Werk mit 568 Seiten. Es erzählt nicht nur die Geschichte eines einzelnen Bergs, sondern wirft auch ein Licht auf die Entwicklung des Alpentourismus, der Naturwissenschaften und der Gesellschaft während der vergangenen zwei Jahrhunderte.
Dass Gian-Reto Walther ein kulturhistorisches Werk veröffentlicht, überrascht auf den ersten Blick. Seine beruflichen Wurzeln liegen in den Umweltwissenschaften. Nach der Kindheit in Graubünden, einem Studium an der ETH Zürich und Forschung und Lehre an weiteren Universitäten im deutschsprachigen Raum, arbeitet er heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter in der Bundesverwaltung und lebt in Bätterkinden.
Das Buch entstand mehr oder weniger durch Zufall. Im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Klimawandel war das Projektteam auf der Suche nach Standorten, die bereits vor über hundert Jahren möglichst genau beschrieben worden waren. Dabei ergaben sich für die Wissenschaftler zwei Probleme: Die historischen Belege mussten eindeutig geografisch zuordenbar sein und es durften keine Faktoren ausserhalb des Klimas die Veränderungen am Ökosystem beeinflussen.
Auf den Gipfeln im Oberengadin stiessen die Wissenschaftler auf eine Vielzahl historischer Beschreibungen. Die Gipfel waren gut zuordenbar und es bestanden erstaunlich viele und detaillierte Beschreibungen der dortigen Ökosysteme. Besonders zahlreich waren die Belege – ob für die ursprüngliche Forschung hilfreich oder nicht – vom Piz Languard oberhalb von Pontresina.
Die meisten historischen Dokumente waren für das Forschungsprojekt zwar von wenig Nutzen, aber trotzdem sehr spannend. Reiseberichte beschrieben nicht nur Pflanzen und Landschaften, sondern auch den Berg als Ausflugsziel. Alte Fotografien, Briefe, Karten und Zeichnungen erzählten von einer Zeit, als der Piz Languard noch weniger touristisch erschlossen war. Sogar Pläne für eine Bahn bis auf den Gipfel fielen Gian-Reto Walther in die Hände. «Eigentlich benötigte ich nur einige historische Daten», sagt Gian-Reto Walther rückblickend. «Doch irgendwann war die Dokumentensammlung so umfangreich, dass ich sie nicht einfach wieder im Archiv verschwinden lassen wollte, wo sie nie wieder jemand zu Gesicht bekommen würde.»
Die Aktensammlung entwickelte sich zu einem Langzeitprojekt. Über die Jahre, auch längst nach Abschluss der ursprünglichen Forschung, kamen weitere Dokumente hinzu. Manche entdeckte Gian-Reto Walther in Bibliotheken oder Briefsammlungen, andere in Zeitungsarchiven oder per Zufall in einem Museum. Über mehr als zwanzig Jahre entstand so nach und nach ein umfangreiches Quellenarchiv.
Aus dem Wunsch, der Öffentlichkeit einen Zugang zu diesen spannenden Zeitzeugnissen zu ermöglichen, reifte der Entschluss, die Sammlung in Buchform zu veröffentlichen.
Die Entstehung des Buchs
Vor der eigentlichen Bucharbeit stand eine grundlegende Entscheidung an: Wie gliedert man eine solch grosse Materialsammlung? Da es sich um historisches Material handelte, wäre auch eine chronologische Aufarbeitung möglich gewesen. Gian-Reto Walther entschied sich jedoch für einen thematischen Aufbau. Die einzelnen Kapitel widmen sich jeweils einem bestimmten Aspekt des Bergs. So behandelt ein Kapitel beispielsweise die Geologie, ein anderes die Pflanzenwelt, die touristische Entwicklung oder einzelne historische Ereignisse. Innerhalb dieser Kapitel folgt die Darstellung wiederum der zeitlichen Entwicklung. Dadurch lässt sich das Buch auch abschnittweise lesen, denn jedes Kapitel erzählt seine eigene Geschichte.
Eine zentrale Rolle spielen dabei die historischen Originalquellen. Viele Texte werden vollständig oder auszugsweise wiedergegeben, teilweise übersetzt und eingeordnet. Die Sprache der Quellen wollte der Autor dabei möglichst unverändert belassen. Gerade darin liege ein besonderer Wert, sagt er. Die historischen Formulierungen vermitteln weit mehr als reine Informationen. Sie zeigen, wie Menschen ihre Umwelt wahrnahmen, wie sie schrieben und welche Vorstellungen sie von Natur, Kultur und ihrer jeweiligen Epoche hatten.
Besonders deutlich werde dies in den englischen und deutschen Reiseberichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. «Die Art, wie die verschiedenen Autoren über ihre Mitmenschen und insbesondere über andere Kulturen schrieben, bietet einen einmaligen Einblick in diese politisch spannungsgeladene Zeit», erklärt Gian-Reto Walther. So entstand ein Buch, das sich vielmehr wie ein Museumsbesuch als ein klassisches Buch lesen lässt: Die Leserinnen und Leser werden durch historische Belege geführt und können sich anhand der Quellen selbst ein Bild machen.
Der eigentliche Weg vom Manuskript zum fertigen Buch stellte für Gian-Reto Walther beinahe den schwierigsten Teil der Produktion dar. Während wissenschaftliche Publikationen in klaren Abläufen entstehen, verlangte dieses Projekt zahlreiche gestalterische Entscheidungen. Welche Abbildungen sollen aufgenommen werden? Wie werden historische Dokumente präsentiert? Welche Geschichten verdienen mehr Raum? Rückblickend räumt Gian-Reto Walther ein, den Aufwand unterschätzt zu haben. Gleichzeitig sei es nun aber schön, am Ende ein sorgfältig gestaltetes Buch in den Händen zu halten.
Highlights und Sonderfunde
Über die Jahre stiess Gian-Reto Walther immer wieder auf Geschichten, die ihn selbst überraschten. Besonders eindrücklich blieb ihm der Besuch der britischen Prinzessin Alice (1848–1878), einer Tochter der britischen Königin Victoria (1819–1901), auf dem Gipfel des Piz Languard in Erinnerung. In ihren Briefen schildert sie den Aufstieg auf den Berg detailliert und gibt einen Einblick in den Alpentourismus des 19. Jahrhunderts.
Ebenso faszinierte ihn die Entwicklung der Geologie und Geografie – insbesondere die Frage, wie geografische Daten über die Zeit erhoben wurden. Die historischen Karten zeigen, mit welcher Genauigkeit die Welt damals bereits vermessen wurde. Vor GPS, Satelliten und modernen Messinstrumenten wurden dazu Vermessungspyramiden auf die Berggipfel gestellt. Unter der Spitze der Pyramide befindet sich noch heute ein Eisendorn, welcher als Vermessungspunkt für die Triangulation diente. Um den Eisendorn auf dem Piz Languard fotografisch festzuhalten, stieg Gian-Reto Walther während der Fertigstellung des Buchs nochmals auf den Gipfel.
Inhaltlich spannt das Werk einen weiten Bogen. Es erzählt von einem nie realisierten Bahnprojekt bis hoch zum Gipfel, von der Geschichte der Chamanna Georgy, der Georgy Hütte etwas unterhalb des Gipfels, und ihres Namensgebers Wilhelm Georgy, von einem Tanzpavillon auf dem Gipfel, der mehrmals abbrannte und wieder aufgebaut wurde, und natürlich vom aussergewöhnlich weiten Aussichtspanorama auf dem Piz Languard.
Das Buch erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Teilweise zeigt es auch auf, wie viele historische Belege über die Zeit in Vergessenheit geraten sind. So gilt etwa das historische Gipfelbuch, dessen Existenz in zahlreichen Quellen belegt ist, bis heute als verschollen.
Gian-Reto Walther möchte die Leserinnen und Leser vor allem für die historischen Quellen selbst sensibilisieren. Denn wer sich auf deren Sprache einlässt, entdeckt nicht nur einen Berg neu, sondern erhält auch einen unmittelbaren Einblick in die Denk- und Lebenswelt vergangener Generationen.
Text und Bild: Rosie Schenk
www.somedia-buchverlag.ch/depiz-languard/

