Ein Ausflug über den Paso Agua Negra
04.02.2026 Burgdorf, Burgdorf, Kultur, Gesellschaft, NaturDie ausgewanderte Oberburgerin Meret Räber und ihr Ehemann Bernardo Rojas bieten in Chile nicht nur Reittouren an, sondern haben auch 4x4-Touren mit ihrer bestens ausgerüsteten Camioneta im Angebot. Eine davon führt von ihrem Wohnort Seròn ins argentinische Rodeo. Die Eltern von Meret Räber, Thomas und Heidy Räber aus Burgdorf, verbrachten die Wintermonate im sommerlichen Chile und berichten von der Tour nach Rodeo:
«Die Tour beginnt talaufwärts nach Hurtado. Diesem Ort verdankt das ganze Tal seinen Namen und er ist nebst Pichasca der Hauptort. Dort gabelt sich die Strasse: Einerseits führt der Weg talaufwärts nach Las Breas, wo die öffentlich zugängliche Strasse aufhört, andererseits steigt der Weg über einen Gebirgszug ins Nachbartal, das bekanntere Elqui-Tal. Ab sofort ist die Strasse nicht mehr asphaltiert, allerdings befindet sie sich im Ausbau und wird in absehbarer Zeit mit einem Belag überzogen sein. Kurz vor Vicuña ist die Strasse wieder befestigt und zweigt dann rechts ab. Nun warten rund 200 abwechslungsreiche Kilometer auf uns. Der erste Teil das Elqui-Tal aufwärts ist noch wenig spektakulär, wir rollen über eine gut ausgebaute Asphaltpiste. Sie führt zum chilenischen Grenzübergang, noch rund 50 Kilometer von der argentinischen Grenze entfernt. Heute ist der Andrang zum Glück klein, wir sind Fahrzeug Nummer 23. Die Autos werden registriert, damit unterwegs keines verloren geht. Fehlt auf der anderen Seite des Passes eine Nummer, wird eine Suchaktion ausgelöst. Die Durchquerung der Anden könnte sonst durchaus gefährlich werden. Die Leute am Zoll haben heute Zeit; rund 50 Übertritte pro Tag machen jede Kontrolle zu einer willkommenen Abwechslung. Während den Ferien ist der Andrang schon mal grösser, was zu längeren Wartezeiten führen kann. Wir haben Glück, nach einer Viertelstunde dürfen wir passieren. Ab sofort geht es auf einer Schotterpiste steil bergauf zu einem grossen Stausee. So viel Wasser an einem derart trockenen Ort kommt völlig überraschend, ist aber durch die Höhenlage erklärbar. Schmelzwasser des winterlichen Schnees und der noch vorhandenen Gletscher wird hier gespeichert und kontrolliert ins Elqui-Tal abgelassen. Auf der Weiterfahrt offenbart sich die ganze Farbenpracht der Anden. Je nach Sonneneinstrahlung leuchten die Bergflanken rot, grün, orange, violett oder schwarz. In den Tälern fliesst offenes Wasser, gesäumt von Salzablagerungen und sattgrünem Gras. Auch auf 4000 Metern über Meer weiden noch Ziegen, von ihren Hirten ist nichts zu sehen. Schliesslich erreichen wir die Passhöhe auf 4755 Metern über Meer. Körperliche Bewegung ist hier merklich anstrengender als noch in Seròn, trotzdem lassen meine Frau und ich es uns nicht nehmen, die Grenze zu Fuss zu überqueren. Der höchste Andenübergang zwischen Chile und Argentinien ist im Winter zeitweise geschlossen, auch im Sommer ist der Übergang nur bei guter Witterung möglich. Jetzt aber ziehen sich nur noch vereinzelte Schneefelder der Strasse entlang, in der Höhe glänzen kleine Gletscher. Der Übergang über die Anden soll hier bald ganzjährig möglich sein, weshalb ein 13,8 Kilometer langer Tunnel auf rund 4000 Metern Höhe dereinst die Región de Coquimbo (Chile) und die Provincia de San Juan (Argentinien) verbinden wird. Die Route wäre eine wichtige Entlastung des für die Industrie wichtigen Andenübergangs Los Libertadores. Das Projekt verzögert sich allerdings, sodass die zu erwartende Beeinträchtigung dieses einzigartigen Naturraumes noch auf sich warten lässt. Der Übergang würde nicht nur die Verbindung von Pazifik und Atlantik verbessern, sondern auch der Ausbeutung der argentinischen Kupfervorkommen in den Anden Vorschub leisten. Der Plan des argentinischen Präsidenten Milei, die Region San Juan zu einem Kupfer-Hotspot zu machen, hätte wohl katastrophale Folgen für das Naturwunder «Anden». Aber bleiben wir im Hier und Jetzt: Unglaublich, welche Schönheit sich bei unserer Passfahrt offenbart. Die Abfahrt auf der argentinischen Seite ist kürzer, allerdings nicht weniger beeindruckend: Genuss pur! In Rodeo finden wir eine ruhige Unterkunft, die als Ausgangspunkt für weitere Aktivitäten dient. Hervorzuheben ist dabei sicher die Beobachtung einer Gruppe von Kondoren, die uns ihrerseits kaum beachtet. Nach einer zweiten Übernachtung kehren wir auf der selben Route, auf der wir gekommen sind, nach Seròn zurück. Die Fahrt über den Agua Negra ist aufs Neue eine Wucht, da sich in umgekehrter Richtung neue, atemberaubende Perspektiven eröffnen, die noch lange nachwirken werden.»
Text und Bilder: Thomas Räber






