Erinnerungen an einen Aufenthalt in der Villa Schmid
07.01.2026 Burgdorf, Burgdorf, Kultur, GesellschaftDie im Herzen Burgdorfs gelegene, denkmalgeschützte Villa Schmid ist ein architektonisches Bijou. Erbaut wurde sie im Auftrag des Textilfabrikanten Rudolf Schmid im Jahr 1869 neben den Fabrikgebäuden der Familie Schmid in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Das Bauprojekt stand unter der Leitung des damaligen Starachitekten Horace Edouard Davinet, der unter anderem auch das Grand Hotel Giessbach am Brienzersee entwarf. Die Villa Schmid, im Volksmund auch «Schlössli» genannt, gilt als eine der prächtigsten Fabrikantenvillen im Kanton Bern aus dem 19. Jahrhundert.
Im Laufe der Jahrzehnte nagte der Zahn der Zeit immer stärker am einst stolzen Gebäude. Verschiedene Sanierungs- und Umnutzungskonzepte wurden erarbeitet und wieder verworfen. Seit dem Sommer 2025 sind die Bauarbeiten auf dem Areal nun jedoch in vollem Gange. Die Helvetia Versicherung, der das Grundstück heute gehört, plant, die Villa Schmid zu renovieren und zwei grosse Wohnungen darin zu schaffen. Hinzu kommen an der Ost- und Westseite des Grundstücks zwei Neubauten mit rund 54 Wohnungen im Minergie-Standard, die meisten davon mit 2½ oder 3½ Zimmern. Im Erdgeschoss sollen an zentraler Lage attraktive Gewerbeflächen entstehen. Für die Bevölkerung werden zudem gegen den Bahnhof hin im westlichen Neubau Velostationen erstellt. Die ersten Wohnungen werden voraussichtlich im Frühjahr / Sommer 2028 bezugsbereit sein.
Erinnerungen an einen Aufenthalt in der Villa Schmid im Sommer 1947
Anlässlich des Umbauprojekts erhielten Interessierte die Möglichkeit, die Schmid-Villa zu besichtigen. Diese Gelegenheit nutzte auch Dino Cunico, der im Sommer 1947 als junger Knabe aus Italien mehrere Wochen im Gästezimmer des Anwesens verbrachte und sich noch bestens an diese Zeit erinnert. Er besuchte damals seine Mutter Guiseppina, die als Haushaltsangestellte bei der Familie Schmid arbeitete. Im Burgdorfer Jahrbuch 2026 veröffentlichte Hanspeter Marmet, Präsident Heimatschutz Region Burgdorf Emmental, ein Interview mit Dino Cunico, das direkt nach dem Rundgang durch die Schmid-Villa entstand Die Zeitung «D’REGION» druckt dieses in leicht gekürzter Form ab. Darin erzählt Dino Cunico von seinem Leben und seinen Erlebnissen in der Villa Schmid. Im Gespräch wird – wie in zahlreichen weiteren Artikeln des Burgdorfer Jahrbuchs – auf faszinierende und spannende Weise ein Stück Geschichte lebendig. red
Interview mit Dino Cunico
Wie kam es dazu, dass deine Mutter in der Villa Schmid arbeitete?
Dino Cunico: Nun, es war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Familie meiner Mutter lebte in Santo Stefano di Zimella, einem kleinen Dorf in Nord-
italien, etwa 30 Kilometer von Verona entfernt. Meine Mutter Giuseppina hatte 1937 Giuseppe Cunico geheiratet. Doch im Jahr 1942 fiel mein Vater im Krieg in Russland. Ich war damals vier Jahre alt.
Als Kriegswitwe erhielt meine Mutter Unterstützung von der Gemeinde. Sie konnte ein Lokal übernehmen, in welchem sie Gäste bewirtete. Infolge der deutschen Besatzung kam es zu Partisanenkämpfen und das Lokal meiner Mutter wurde zerstört.
Durch eine Bekannte, die damals schon in die Schweiz nach Burgdorf emigriert war, erfuhr sie von der Möglichkeit, als Hausangestellte bei der Familie Schmid arbeiten zu können. Herr Schmid stellte ihr einen Arbeitsvertrag aus und kümmerte sich um die Einreisebewilligung. Und so kam es, dass meine Mutter 1946 bei der Familie Schmid angestellt wurde. Ich blieb bei meinen Grosseltern in Italien zurück.
Wie war dein Leben als achtjähriger Junge in Italien?
Dino Cunico: Nicht sehr anders als das Leben Gleichaltriger, nur, dass ich in der Familie meiner Grosseltern lebte. Ich war ein lebhaftes Kind und viel draussen. In die Schule bin ich wohl nicht sehr gerne gegangen. Jedenfalls habe ich kaum Erinnerungen an die erste Schulzeit. Ich kann mich jedoch erinnern, dass ich meinem Grossvater und meinen Onkeln bei der Arbeit half. Mein Grossvater hatte ein Stück Land, welches lehmhaltig war, und so stellte er Backsteine her.
Aus welchen Gründen kamst du 1947 für einige Monate nach Burgdorf?
Dino Cunico: Herr Schmid wusste natürlich, dass meine Mutter einen Sohn in Italien hatte. Er wollte mich kennenlernen und so ermöglichte er mir, in die Schweiz zu reisen. Er beauftragte Mario Rupp, der als Handelsreisender für die Firma Schmid viel in Italien unterwegs war, mich in Domodossola zu einem vereinbarten Zeitpunkt abzuholen. Mein Grossvater liess es nicht zu, dass ich alleine reiste, und so brachte er mich mit der Absicht nach Domo-
dossola, mich weiter in die Schweiz zu begleiten. Es war ihm jedoch nicht klar, dass man ihm die Einreise ohne Pass verweigern würde. Mario Rupp erschien nicht wie vereinbart am Bahnhof. Mein Grossvater liess mich dort zurück, da er wieder heim ins Dorf musste. Ich erinnere mich, wie er beim Abschied weinte. Die Bahnangestellten wussten nicht recht, was sie nun mit mir machen sollten und steckten mich kurzerhand in den Güterschuppen. Am nächsten Morgen war ich völlig durchnässt, da es geregnet hatte und das Dach des Schuppens undicht war. Schliesslich kam Herr Rupp dann doch noch an und wir reisten zusammen nach Burgdorf.
Wie hast du die Familie Schmid erlebt?
Dino Cunico: Herr und Frau Schmid waren ausserordentlich freundlich und lieb zu mir. Ich durfte zum Beispiel mit ihnen im Esszimmer am grossen Tisch essen und sass direkt neben Frau Schmid. Herr Schmid sass oben am Tisch und der Sohn Ernst-André vis-à-vis von mir. Serviert wurde das Essen durch das Dienstmädchen Aurelia, sie war auch Italienerin. Meine Mutter blieb immer in der Küche und schob das Essen einfach durch die Durchreiche.
Einmal gingen wir in die Oberstadt zum Dysli, wo Frau Schmid für mich Schuhe kaufen wollte. Sie hatte einen Schirm dabei, obschon es nicht regnete – ich wusste nicht warum. Ich trug diesen jedoch für sie.
Auch Herr Schmid war sehr besorgt um mich. Später, als ich in Italien für längere Zeit im Spital war, liess er mir zur Aufmunterung eine kleine Handorgel schicken.
Wie konntest du dich mit Schmids verständigen?
Dino Cunico: Herr und Frau Schmid sprachen gut Italienisch, wir konnten uns also mühelos unterhalten. An ein Wort auf Deutsch, das ich damals gelernt habe, erinnere ich mich noch gut: «Bettmümpfeli», denn ein solches fand ich meistens auf dem Nachttischchen vor.
Wie lebte Familie Schmid in diesen Räumlichkeiten?
Dino Cunico: In der Mitte des Erdgeschosses befand sich der Salon, dort haben sie jeweils Kaffee und Tee getrunken. Im Zimmer gegen Osten war die grosse Bibliothek und auf der gegenüberliegenden Seite das Esszimmer. Gegen die Strasse waren die Küche, ein Dienstraum und ein Gästezimmer mit einer Toilette und einem «Brünnli». Im Obergeschoss lag das Schlafzimmer von Herrn Schmid, mittig im Haus gerade über dem Salon. Gegen Osten befand sich das Schlafzimmer von Frau Schmid. Dazwischen war das grosse Bad, von beiden Seiten zugänglich. Auf der gegenüberliegenden Seite war das Zimmer des Sohnes und über der Küche ein Arbeitszimmer zum Bügeln. Ich durfte im Gästezimmer schlafen, das auf der Seite gegen die Strasse lag. Meine Mutter schlief auch in der Villa, im Dachgeschoss, wo die Zimmer der Bediensteten waren. Diese waren jedoch nicht beheizbar.
Was hast du den ganzen Tag gemacht?
Dino Cunico: Ich war viel im Garten beim Gärtner, der die Pflanzungen und den Park unterhielt. Er wohnte in einem Häuschen zwischen der Villa und der Fabrik. Dort waren auch die Treibhäuser, in denen er das Gemüse anpflanzte. Der Park um die Villa war natürlich viel grösser und sehr gepflegt und es hatte ein schönes Gartenhäuschen. Darin war ein Leiterwägeli, das mir gefiel. Und dann war ich immer wieder drüben im Kesselhaus, wo heute das Kafi ist. Dort war der Heizer Hummel tätig. Er goss nebenher im Ofen Bleisoldaten – vor meiner Heimreise schenkte er mir ein ganzes Kistli. Und dann war ich immer wieder auch mit dem Leiterwägeli unterwegs – ich zog es hoch zur Eybrücke, setzte mich darauf und fuhr bis zum Emmenhof runter. Einmal begleitete ich Familie Schmid zu ihrem Ferienhäuschen am Thuner- oder Bielersee.
Du musstest dann wieder zurück nach Italien – wie ging es mit dir weiter?
Dino Cunico: Ich kehrte zu meinen Grosseltern zurück. Auch die Brüder meiner Mutter lebten dort – einer von ihnen, Guido, kam übrigens kurz darauf ebenfalls nach Burgdorf. Er war nach dem Griechenlandfeldzug in Gefangenschaft geraten, konnte jedoch fliehen und durchquerte auf seiner Flucht zurück nach Italien zu Fuss weite Teile von Ex-Jugoslawien. Im Krieg hatte er Lastwagen und Fahrzeuge gespritzt. Meine Mutter erkundigte sich bei Herrn Schmid, ob es Arbeit für ihn gäbe. Dieser fragte beim Maler Eduard Born nach, der eine Automalerei hatte. Und so kam mein Onkel Guido Nardi ebenfalls in die Schweiz.
Um meine Grosseltern von der Erziehungsaufgabe zu entlasten, fasste meine Mutter mit der Familie den Entschluss, mich nach Verona in ein Institut zu schicken. Dort plagten mich nach einem Unfall beim Spielen starke Schmerzen am Bein – alles war angeschwollen. Ich wurde ins Spital gebracht. Nach vielen Untersuchungen merkten die Ärzte, dass ich an Osteomyelitis, einer Knochenmarkentzündung, litt. Schliesslich verbrachte ich ein ganzes Jahr lang im Spital, meine Mutter wurde aber erst nach einem halben Jahr benachrichtigt – sie kam mich erst dann besuchen. Es wurde empfohlen, dass ich möglichst viel im Meer baden sollte und so kam ich in ein Spital am Lido von Venedig. Nach meiner Entlassung kehrte ich ins Dorf zurück und wurde in ein Nonneninstitut in Cologna Veneta, etwa 15 Kilometer von zu Hause weg, in die Schule geschickt. Später erhielt ich als Halbwaise durch Vermittlung der Gemeinde einen Platz im Istituto Artigianelli Don Orione in Venedig, wo junge Waisenknaben eine Schulbildung erhielten und auch einen Beruf erlernen konnten. Ich blieb drei Jahre im Institut, bis ich zu meiner Mutter in die Schweiz kommen durfte. Sie hatte in der Firma Schmid ihren zweiten Mann, Otto Eichenberger, kennengelernt und auf ihrer Hochzeitsreise holten mich die beiden in die Schweiz.
Wie hast du dich in Burgdorf zurechtgefunden?
Dino Cunico: Als ich 1952, am 27. Oktober, nach Burgdorf kam, hatten meine Mutter und ihr neuer Mann bereits eine Wohnung am Hunyadigässli. Ich war damals 14 Jahre alt und wurde in die 7. Klasse integriert. Ich war der erste Ausländer im Pestalozzischulhaus und sprach kein Deutsch. Aber mein Lehrer, Herr Lehmann, konnte ein wenig Italienisch. Er hatte eine Gitarre und so musste ich oft Tessiner Lieder singen. Das 8. und 9. Schuljahr besuchte ich dann beim Lehrer Schweizer.
Wie ging es nach der Schule weiter?
Dino Cunico: Ich konnte gut zeichnen und wäre gerne Schaufensterdekorateur geworden oder allenfalls Velomechaniker. Aber es war nicht einfach, eine Lehrstelle zu finden. So kam ich zum Berufsberater Hermann Grünig, der daneben noch Grafiker war. Dieser empfahl mir die Kunstgewerbeschule und begleitete mich sogar nach Bern zu einem Gespräch. Aber dort nahmen sie mich nicht auf, da ich zu wenig gut Deutsch sprach. Ich fragte auch beim Kaufhaus Strauss in der Oberstadt für eine Lehrstelle als Dekorateur an, aber die hatten bereits einen Lehrling. Und so kam der Berufsberater auf die Idee, dass ich bei seinem Bruder Samuel Grünig in dessen Malerbetrieb eine Malerlehre absolvieren solle. Und so wurde ich Maler.
Und später, nach mehreren Zwischenstationen, wagte ich den Schritt in die Selbstständigkeit. Ich gründete mit meiner Ehefrau mein eigenes Malergeschäft. Dies war anfangs eher schwierig, da es nicht alle gerne sahen, dass ein «Tschingg» selbstständig wurde. Aber das ist eine andere Geschichte...
Interview: Hanspeter Marmet
Bilder: Burgdorfer Jahrbuch 2026
Das Burgdorfer Jahrbuch 2026 ist in der Buchhandlung am Kronenplatz, bei der Druckerei Haller + Jenzer AG und im Buchhandel erhältlich.

