Erste Stadtratssitzung 2026

  04.02.2026 Burgdorf

Stadtratspräsident Adrian Merz (Grüne) begrüsste 38 Stadträtinnen und Stadträte (SR) mit einer gereimten Antrittsrede. Ein besonderes Willkommen richtete er an die neuen Ratsmitglieder Beat Neuenschwander (GLP) und Sämi Knüsel (Grüne).

Schliessung Biwak – Ende der suchtmedizinischen Versorgung in Burgdorf?
In einem dringlichen, überparteilichen Postulat verlangten SP, Grüne und EVP die Sicherstellung der suchtmedizinischen Versorgung in Burgdorf. Die angekündigte Schliessung des BZS biwak per 31. März 2026 hatte sie zu diesem Schritt veranlasst. Es ist ihnen ein Anliegen, eine kurzfristige Übergangslösung einzurichten oder eine Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen zu suchen. Damit wollen sie verhindern, dass für die rund 85 betroffenen Klienten/-innen eine Versorgungslücke entsteht.   
Das BSZ biwak ermöglicht eine kontrollierte Abgabe von Substanzen an abhängige Menschen. Die aus Gründen von Fachkräftemangel beschlossene Schliessung gefährde die medizinische und soziale Betreuung der Betroffenen und berge die Gefahr, dass öffentlich konsumiert werde.
Gemeinderat (GR) Elias Maier ist sich der Bedeutung des Biwak bewusst und bedauert die Schliessung. Unmittelbar nach dem Schliessungsentscheid hatten die Verantwortlichen begonnen, für betroffenen Klienten/-innen eine individuelle suchtmedizinische Versorgung zu organisieren. Hausärztliche Betreuung, Apotheken oder der Wechsel ins BZS Bern oder Biel seien möglich. Man habe in Burgdorf erfolglos Partner/innen für eine Nachfolgelösung gesucht. Maier ergänzte, dass die Krankenkasse die Kosten für die Abgabe übernehme, für die Steuerzahlenden also keine zusätzlichen Kosten entstehen würden. 
Jonas Lauwiner (König JL im Dienst der Burgdorfer) wies darauf hin, dass Drogenkonsum illegal und er nicht gewillt sei, diese Sucht finanziell zu unterstützen. Er wolle keine Junkies aus der Umgebung anziehen, sondern ein sauberes Burgdorf bieten für Kinder und Familien. Barbara Lüthi-Kohler (SVP) klärte Jonas Lauwiner darüber auf, dass eine Abgabestelle legal sei und die Chance für einen Ausstieg aus der Abhängigkeit durch diese Begleitung zwischen 60 bis 90 Prozent liege, ein klarer Mehrwert für die Gesellschaft. 
Allgemein bedauerte der SR die Schliessung des BZS biwak. Simon Reusser (Grüne) und Esther Liechti-Lanz (EVP) wiesen darauf hin, dass viele Klientinnen und Klienten dank dieser Institution ein halbwegs normales Leben führen können. Ein Mehrwert des Biwak sei zudem die Begleitung und Unterstützung durch Fachpersonen. Für die SVP-EDU fasste Jonas von Allmen die Anliegen zusammen: Über die Schliessung des Biwaks sei die Partei nicht unglücklich. Ihr zentrales Anliegen liege bei der Sicherheit. Damit keine offene Drogenszene entstehe, sei konsequentes Handeln der Polizei nötig. Zudem äusserte von Allmen die Hoffnung, dass sich durch diese Schliessung einige Konsumierenden entscheiden, auf Methadon umzusteigen. Sämi Knüsel (Grüne) wünscht sich eher die Anwesenheit von Sozialpersonen anstelle der Polizei. Der SR überwies das Postulat mit 37 Ja-Stimmen und einer Nein-Stimme an den GR. 
 

Änderung in der Überbauungsordnung «Buchmatt»
Die Firma Kunz Kunath AG beabsichtigt, auf ihrem eigenen Grundstück ein zweites Mischfutterwerk mit einer Höhe von rund 45 Metern zu erstellen. Das Werk soll ausserhalb der Baufelder für Silobauten entstehen, wo circa 30 Meter hohe Bauten zulässig sind. Im Jahr 2019 wurde mit einer Sonderbewilligung im selben Feld ein 60 Meter hohes Silo gebaut. In einem durch den Fachausschuss Bau- und Aussenraumgestaltung begleiteten Verfahren soll die Überbauungsordnung «Buchmatt» angepasst werden, damit das neue Mischfutterwerk erstellt werden kann.
Stadtpräsident Stefan Berger erklärte, die Anpassung der Überbauungsordnung bringe Planungssicherheit für die Firma und für die Stadt. Die Fassade werde mit Photovoltaik verkleidet und die Umgebung ökologisch verbessert. Barbara Lüthi-Kohler (SVP-EDU) ergänzte, dass die Firma Kunz Kunath für die Landwirtschaft und als Arbeitgeberin wichtig sei. Dass eine Verdichtung in der Industrie, Begrünung und Energie auch von Fachexperten unterstützt werden, überzeuge auch die Grünen, so Franca Maurer. Der SR stimmte der Änderung der Überbauungsordnung Nr. IV «Buchmatt» einstimmig zu.
 
Burgdorf auf dem Weg zur «Grünstadt Schweiz» 
Die Grüne Partei beauftragte den GR, abzuklären, ob Burgdorf das Label «Grünstadt Schweiz» anstreben soll. Grund sei, dass die Stadtverwaltung in der Legislaturplanung bereits einige Massnahmen zur Erhaltung und Aufwertung von Grünflächen, zur Anpassung an den Klimawandel und zur Förderung der Biodiversität geplant habe. Da konkrete Ziele fehlten, biete der Vorbereitungsprozess auf ein entsprechendes Label einen zuverlässigen Weg. Zudem bestünde niederschwellige Einstiegsmöglichkeiten, die trotzdem eine kontinuierliche Verbesserung brächten. 
Der GR erklärte, das Ressort Tiefbau habe den Zertifizierungsprozesse bereits eingeleitet. Die Zertifizierung werde jedoch erst im Jahr 2027 erfolgen. Aus diesem Grund nahm der SR den Auftrag mit 32 Ja-Stimmen und 6 Enthaltungen an. 

Jugendantrag fordert geschützten Pausenplatz beim Schulhaus Pestalozzi
Chiara Lanz reichte im September 2025 einen Jugendantrag betreffend geschützter Pausenplatz Schulhaus Pes­talozzi ein. Im Wortlaut verlangt dieser einen Witterungsschutz auf dem Pausenplatz des Schulhauses Pestalozzi. Er soll das ganze Jahr rund 50 Personen Schutz vor Sonne und Regen bieten. Bis jetzt gabs keinen ausreichenden Witterungsschutz. Die zuständige Immobilienverwaltung habe bereits eine Lösung zur Verbesserung des Sonnenschutzes gefunden, doch der Schutz vor Regen sei nach wie vor nicht gewährleistet. Der Vorschlag, das bestehende Dach zu erweitern, wurde vom Denkmalschutz verworfen.
Das offizielle Dokument «Raumbedarf und Raumausstattung» des Kantons Bern sieht für Schüler/innen und Schulpersonal einen überdachten Bereich vor. Der Verwaltungsrat der Schulhaus Burgdorf AG sieht verschiedene Aspekte, die eine Realisierung dieses Anliegens erschweren oder einschränken. Mit Blick auf die anstehende Gesamtsanierung 2031 seien einige Verbesserungsmassnahmen vorgesehen, die im Bedarfsfall auch umplatziert werden könnten. 
In einer schriftlichen Stellungnahme äusserten sich Vertretende der Volksschule sowie Kinder und Jugendliche. Sie erklärten, dass die Aussenbereiche für rund 400 Schüler/innen begrenzte Spiel-, Bewegungs-, Rückzugs- und Schutzmöglichkeiten bieten. Diese Situation begünstige Konflikte und habe Auswirkungen auf das soziale Miteinander im Schulalltag. Der GR will weitere mögliche Massnahmen prüfen. 
Die Parteivertretenden bedankten sich bei den Jugendlichen für ihr politisches Engagement. Kleinere Anpassungen vor der grossen Sanierung sollen wenn möglich umgesetzt werden, da waren sich alle einig, ausser Jonas Lauwiner (König JL im Dienst für die Burgdorfer). Er bezeichnete die Kinder von heute als weicher und schwächer und riet ihnen, lösungsorientierter zu denken. Er wies auf frühere Generationen hin, die diese Massnahmen auch nicht hatten. So wurde das Postulat mit 37 Ja-Stimmen und einer Nein-Stimme angenommen.

Strassensanierungen an Schulwegen 
Marc Bracher stellte dem GR verschiedene Fragen, welche die Terminierung von Strassensanierungen betreffen. Eltern hätten die Sorge geäussert, dass Schulwege, die durch Baustellen unterbrochen werden, eine zusätzliche Gefahr bedeuten.  Der GR erklärte, dass die Terminierung von Strassenbauarbeiten vom Umfang und den Rahmenbedingungen abhänge. Dabei handle es sich um die Koordination und Ausführung von allfälligen Werkleitungsarbeiten, Baubewilligungs­verfahren, Bauvorhaben privater Bauherren, Submissions­verfahren, Kapazitäten der Bauunternehmungen, andere Baustellen auf Kantons- oder Gemeindestrassen und Kreditgenehmigung durch den GR oder SR. Dies erkläre, warum der Ausführungstermin schwer zu gestalten sei. Nach Möglichkeit werde auf den Zeitpunkt des Baustarts geachtet. Zusätzlich würden Abschrankungen und Signalisationen die Fussgänger/innen schützen. Auf der städtischen Website unter «Burgdorf baut» werden Behinderungen und Umleitungen frühzeitig publiziert. Marc Bracher zeigte sich befriedigt mit der Antwort.

Zusammenschluss zum Energieverbrauch in der Nachbarschaft
Die SP-Fraktion stellte Fragen betreffend vZEV und LEG in Burgdorf: Bereits seit dem Jahr 2018 sei es möglich, über private Stromleitungen und unter Verwendungen eigener Zähler, Nachbarn mit Solarstrom zu beliefern und einer sogenannten ZEV (Zusammenschluss zum Energieverbrauch) zu gründen, so die Informationen der Interpellantin. Sie erklärte weiter: Mit der Änderung im Stromgesetz sei seit dem 1.1.2025 ein vZEV (virtueller Zusammenschluss zum Energieverbrauch) möglich. Hier können bestehende Anschlussleitungen in unmittelbarer Nähe und mit gemeinsamem Verteilkasten für ein Solar-Sharing genutzt werden. Dieses Thema fällt in den Bereich der Localnet AG, welche die Fragen beantwortete. Erläuterungen dazu unter: Lokaler Strom www.lokalerstrom.ch. Karin Karrer bedankte sich für die Beantwortung der Fragen, die SP zeige sich zufrieden damit.

Gastronomische Nutzung öffentlicher Räume 
Die SP-Fraktion richtete sich mit einer Interpellation betreffend Gastronomische Nutzung öffentlicher Räume an den GR. Sie sieht die Nutzung des öffentlichen Raums durch die Gastronomie als wichtige Schnittstelle zwischen Stadt, Bevölkerung und Wirtschaft. Ein Mehrwert für alle entstehe, wenn bei der Vergabe transparente Kriterien gelten würden. Neben temporären oder dauerhafter Nutzung könnten sie sich zusätzliche temporäre Pop-up-Angebote vorstellen. 
Der GR beantwortete die Fragen und stellte abschliessend fest, dass die Herausforderung in erster Linie aus baurechtlichen Fragen bestehe. Sind diese geklärt, können die gastgewerblichen Bewilligungen in der Regel rasch und gemäss gesetzlichen Vorgaben ausgestellt werden. Die Einwohner- und Sicherheitsdirektion unterstützt dabei die Gesuchstellenden ebenso wie bestehende Betriebe. Gabriela Bannwart (SP) zeigte sich zufrieden mit der Antwort. 
Nutzung städtischer Liegenschaften im öffentlichen Interesse  
Die Stadt besitzt neben den Verwaltungsgebäuden verschiedene Liegenschaften, die unterschiedlich genutzt werden. Sie sind Bestandteil des städtischen Vermögens. Eine dieser Liegenschaften kann vom Verein CheckPunkt, Menschen am Rande der Gesellschaft, genutzt werden. Das wirft Fragen auf hinsichtlich der Transparenz über städtische Liegenschaften. 
Der GR erklärte, dass die Stadt ein vielfältiges Immobilienportfolio mit einem Gebäudeversicherungswert von rund 340 Millionen Franken besitze. Die Liegenschaften sind in Verwaltungs- und Finanzvermögen unterteilt. Das Verwaltungsvermögen dient der hoheitlichen, wirtschaftlichen und wirksamen Erfüllung sämtlicher durch die Stadt Burgdorf zu erbringenden öffentlichen Aufgaben. Das Finanzvermögen umfasst alle Liegenschaften, welche nicht unmittelbar für städtische Aufgaben benötigt werden. Die Finanzdirektion ist bestrebt, eine ausgewogene soziale Durchmischung der Mieterschaft zu fördern. 
Eine Immobilienstrategie, die Ende 2024 verabschiedet worden ist, definiert zudem Leitsätze und Ziele des städtischen Portfolios. Gabriela Bannwart (SP) bedankte sich für die zufriedenstellenden Antworten. 

Öffentliche WC-Anlagen an den Bahnhöfen   
Tanja Blume (SP), Beryll Veraguth (EVP) und Vicky Müller (Grüne) gelangten mit einer Interpellation betreffend öffentlicher WC-Anlagen an den GR. Sie stellten fest, dass sich an den vier Bahnhöfen auf Burgdorfer Boden (Burgdorf, Steinhof, Buchmatt, Oberburg) aktuell keine öffentlich zugänglichen WC-Anlagen befinden, die rund um die Uhr offen sind. 
Der GR erklärte, dass die Stadt keine eigenen Grundstücksflächen direkt an den Bahnhöfen besitze. Das WC bei der «Passerelle Unterführung Ost» muss saniert werden. Ein Baugesuch wurde eingereicht und kann im Ideal­fall in diesem Jahr umgesetzt werden. Eine Übergangslösung sei geplant. Im Rahmen des geplanten Umbaus des Reisezentrums SBB am Hauptbahnhof soll ein neues öffentliches WC realisiert werden. Beim BLS Bahnhof Steinhof wurden beim Neubau verschiedene Optionen für ein öffentliches WC geprüft und schlussendlich verworfen. Beim Bahnhof Buchmatt wird ein geeigneter Standort geprüft, am Bahnhof Oberburg werden Überlegungen dazu gemacht. Tanja Blume bedankte sich für die zufriedenstellenden Antworten.

Personelle Änderungen
Nach dem Tod von Christoph Lengacher, Präsident der EDU und Mitglied der Sozialkommission, wurde der parteilose Samuel Truttmann, Pastor, als Nachfolger einstimmig gewählt. SR Karin Karrer gab ihre Demission bekannt. Gabriela Bannwart verabschiedete ihre Parteikollegin mit herzlichen Worten des Dankes. Karrer hatte sich während fünf Jahren mit Engagement für die Bevölkerung der Stadt eingesetzt. 
Die nächste Stadtratssitzung findet am 23. März 2026 statt und ist öffentlich.

Text und Bild: Helen Käser


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