Trennungen sind immer schwierig – besonders für Kinder
08.01.2026 Koppigen, Koppigen, Jugend, RegionDie «Stiftung Friedau – Kind & Familie im Fokus» mit Sitz an der Bern-Zürichstrasse 28 in Koppigen bietet sowohl stationäre als auch ambulante Dienstleis-
tungen an, welche individuell und flexibel auf die Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Familien ausgerichtet sind. Vor über hundert Jahren als Knabenerziehungsanstalt ins Leben gerufen, hat sich die Institution im Laufe der Jahrzehnte grundlegend gewandelt und stützt sich heute selbstverständlich auf moderne pädagogische und sozialpädagogische Konzepte.
Das Angebot der Stiftung Friedau
Die Friedau umfasst eine Kinder- und Jugendwohngruppe mit acht Plätzen für Mädchen und Knaben im schulpflichtigen Alter, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihrer Herkunftsfamilie leben können und eine öffentliche Schule besuchen. Weiter stellt die Institution für Familien in Krisen und instabilen Situationen Plätze für das gemeinsame Zusammenleben in einem teil- und vollbetreuten Rahmen zur Verfügung. Das sogenannte Eltern-Kind-Wohnen dient dazu, Not zu lindern, Probleme anzugehen und alle Betroffenen im Kontakt mit Ämtern und Behörden zu begleiten, praxisnah zu unterstützen und zu beraten. In den vergangenen Jahren wurden insbesondere die ambulanten Dienstleistungen stark ausgebaut. Dazu gehören die Nachbetreuung im Anschluss an stationäre Aufenthalte, sozialpädagogische Familienbegleitung zu Hause,
Unterstützungsangebote bei der Wahrnehmung des Besuchsrechts nach Trennungen, Mediationen und von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) angeordnete Beratungen. Mittlerweile hat die Friedau in diesen Bereichen 45 Mandate inne. Die Tendenz ist steigend. Ein fünfköpfiges Team ist für die ambulanten Dienste zuständig. Insgesamt beschäftigt die Stiftung Friedau in Koppigen rund 30 Mitarbeitende.
Entwicklung von positiven Lebensperspektiven
«Die Grundphilosophie der Stiftung Friedau besteht darin, das Kindswohl zu schützen», hält Geschäftsführer Jörg Lüthy fest. «Trotz einer herausfordernden und nicht immer leichten Ausgangslage wollen wir den Mädchen und Knaben sowie den Eltern die Entwicklung positiver Lebensperspektiven ermöglichen. Unser Angebot zielt darauf ab, Kompetenzen zu fördern und das Selbstbewusstsein sowie die Selbstständigkeit zu stärken, sodass Familien ihre Zukunft meistern können und wieder ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen.»
Hochstrittige Trennungen belasten das Kindswohl
Trennungen sind immer schwierig – besonders für Kinder. In den vergangenen Jahren haben jedoch insbesondere Fälle von hochstrittigen Trennungsverfahren zugenommen. Die damit einhergehende Konfliktsituation mündet oftmals in einen lang andauernden emotionalen Ausnahmezustand, der das Kindswohl massiv gefährdet und dem die Kinder hilflos ausgeliefert sind. Oft geraten sie zwischen die Fronten und wenn von ihnen verlangt wird, sich zu positionieren oder Partei zu ergreifen, führt der damit einhergehende Loyalitätskonflikt zu einer zusätzlichen enormen Belastung.
Ein politisches Thema
Die schweizerische Politik hat sich Ende des Jahres 2025 ebenfalls mit hochstrittigen Trennungen befasst – dies zeigt, wie aktuell und gesellschaftlich relevant das Thema ist. National- und Ständerat sprachen sich im vergangenen Dezember dafür aus, die Verweigerung des Besuchsrechts für nicht sorgeberechtigte Väter und Mütter bei ihren Kindern als Straftatbestand zu ahnden. Damit soll sichergestellt werden, dass beide Elternteile den Kontakt zu ihren Kindern pflegen. Der Bundesrat empfahl die Motion im Vorfeld zur Ablehnung, muss nun allerdings einen entsprechenden Erlass ausarbeiten.
Die Zeitung «D’REGION» unterhielt sich mit dem Fridau-Geschäftsführer Jörg Lüthy und Christian von Gunten, Bereichsleiter Ambulante Dienste, über die Wichtigkeit eines konstruktiven Umgangs auch im Trennungsfall, den Weg, um dieses Ziel zu erreichen, und das Angebot der Stiftung.
«D’REGION»: Das Parlament will die Verweigerung des Besuchsrechts für nicht sorgeberechtigte Väter und Mütter bei ihren Kindern künftig unter Strafe stellen. Erachten Sie dies als zweckmässig?
Christian von Gunten: Dies kann unter Umständen sinnvoll sein … Sanktionen oder bereits die Androhungen von Strafen können Bewegung in eine als ausweglos empfundene und verfahrene Situation bringen. Wird einem Elternteil das Besuchsrecht über einen längeren Zeitraum verweigert, ist dies für das Kind ebenso wie für die betroffene Mutter bzw. den betroffenen Vater sehr belastend.
Ich glaube allerdings nicht, dass es sinnvoll ist, nur auf Strafen und Sanktionen zu setzen. Die Stiftung Friedau verfolgt den Ansatz, den bestehenden Konflikt aufzuarbeiten und zu lösen. Mit der Einhaltung des Besuchsrechts ist das grundlegende Problem keineswegs gelöst. Es ist notwendig, die Eltern zusammen an einen Tisch zu bringen und im Dialog zu eruieren, wie man wieder zu einem tragfähigen Miteinander und einem konstruktiven Umgang findet. Dieser Weg wird in der Mediation ebenso wie in der angeordneten Beratung eingeschlagen.
Jörg Lüthy: Es geht zunächst darum, zu verstehen, wie sich ein Konflikt entwickelte, weshalb sich bestimmte Verhaltensmuster herausbildeten und welche Bedürfnisse vorhanden sind. Davon ausgehend wird versucht, alternative Wege zu beschreiten und Lösungen zu kreieren, um mit der schwierigen Vorgeschichte anders umzugehen und zu einer anderen Handlungsweise zu gelangen. Eltern wollen ja meistens nur das Beste für ihr Kind. Dies ist der gemeinsame Nenner – der Hebel, um einen positiven Prozess in Gang zu bringen.
«D’REGION»: Weshalb sind ambulante Beratungsangebote heute stärker gefragt als früher?
Jörg Lüthy: Das Kindswohl steht heute stärker im Zentrum als in der Vergangenheit. Bereits in der Kita sind Instrumente vorhanden, um die Entwicklung des Kindes zu beurteilen. Auf allen Stufen wird der Kontakt mit den Familien gepflegt. Dadurch lässt sich auch der Anstieg an Unterstützungsmassnahmen und -angeboten erklären. Man schaut also genauer hin und ist achtsamer als früher.
Christian von Gunten: Ich bin ebenfalls überzeugt, dass die gesellschaftliche Wertschätzung des Kindes zugenommen hat. Oftmals sind beide Elternteile bestrebt, Erziehungsverantwortung zu übernehmen und am Leben des Kindes teilzuhaben – auch im Trennungsfall. Dadurch verändert sich die Konfliktdynamik. Leider können Kinder aber auch benutzt werden, um die ehemalige Partnerin bzw. den ehemaligen Partner zu verletzen.
Jörg Lüthy: Generell lässt sich festhalten, dass in unserer Leistungsgesellschaft der Druck auf die Eltern zugenommen hat. Die Kindererziehung ist eine Herausforderung, welche Engagement, Zeit, Präsenz und finanzielle Mittel erfordert. Der Spagat, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer einfach. Nicht alle vermögen mit dieser Herausforderung gleich gut umzugehen.
«D’REGION»: Die Weihnachtszeit und die Festtage verschärfen oftmals problematische Familiensituationen. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?
Christian von Gunten: Für eine Mutter oder einen Vater, der sein Kind über die Festtage nicht sehen kann, sind die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel in der Regel sehr belastend und emotional. Wer alleine ist, spürt in dieser Zeit den Trennungsschmerz besonders intensiv. Dies führt zu Frust. Es ist natürlich ideal, wenn sich ein fairer Kompromiss finden lässt, der für alle Beteiligten stimmt. Leider ist dies nicht immer möglich.
«D’REGION»: Ist ein alternierendes Betreuungsmodell in jedem Fall erstrebenswert?
Christian von Gunten: Sicher nicht. Es gilt viele verschiedene Faktoren zu berücksichtigen – vom Wohnort über die Arbeitsverhältnisse bis zu den elterlichen Kompetenzen. Das Betreuungsmodell kann individuell sein und muss jeweils für die betroffene Familie stimmen. Unter einer alternierenden Obhut versteht man die abwechselnde Betreuung eines Kindes durch beide Elternteile in einem Verhältnis von mindestens 30 zu 70 Prozent.
Jörg Lüthy: Bei der Festlegung des Betreuungsmodells sollte stets nach einvernehmlichen Lösungen gesucht werden. Dies ist die Grundhaltung der Stiftung Friedau. Bei Druck oder Zwang verliert zwangsläufig immer eine Seite. Die intensive Suche nach einem gemeinsamen Nenner zahlt sich aus. Einvernehmlichkeit ist der beste Weg und schafft Akzeptanz. Voraussetzung dafür ist eine funktionierende Kommunikation, die mittels einer Mediation oder im Rahmen einer angeordneten Massnahme wiederhergestellt wird. Wichtig scheint mir: Es gibt nicht nur einen Weg, der zum Ziel führt. Darin sind sich wohl alle Mitarbeitenden der Stiftung Friedau einig. Es ist zentral, die Lebenswelten der Familien verstehen zu wollen, um tragfähige Lösungen zu entwickeln. Dazu sind ein ausgeprägtes pädagogisches Gespür, der klare Fokus auf das Kind sowie ein reflektierter Umgang mit den eigenen normativen Vorstellungen einer funk-
tionierenden Familie notwendig.
Text, Interview und Bild: Markus Hofer

